Coronakrise, Klimawandel & Naherholung

 

1. Coronakrise, Klimawandel & Freizeit

Es ist eine interessante Ironie der Umstände, dass die Coronakrise zum 3. Jahr in Folge mit Trockenheit und langen Hitzeperioden, sprich der Klimakrise, zusammenfällt, was in vielen Regionen in Deutschland zu kranken und sterbenden Wäldern führt, sowie zu (meist von Menschen verursachten) Waldbränden. Also just zu dem Zeitpunkt, als viele Menschen mangels Urlaubsmöglichkeiten und weniger Einnahmen anfingen, (endlich) ihre nähere Umgebung als Erholungs- und Freizeitgebiet zu entdecken. Ich sehe in „meinen“ Wäldern mehr Menschen als in den 20 Jahren zuvor, v. a. mehr Spaziergänger:innen, Radler:innen und Familien mit Kindern. Im Westerwald, eine besonders stark von der Dauerdürre betroffene Region - niemand hätte das je für möglich gehalten! -, sieht man überall lichte Kronen, kranke und vertrocknete Bäume, es regnet grüne Tannennadeln, eine bizarre Erfahrung. Großflächig wird auch im Akkord abgeholzt. Kein schöner Anblick diese Mondlandschaften, aber das ist der reale Klimawandel plus das Resultat der profitorientierten Holzindustrie. Das verdirbt das Outdoor-Vergnügen ungemein, denn bei jedem Schritt wird einem bewusst, dass hinter der Coronakrise die Klimakrise lauert und sich immer deutlicher manifestiert. So deutlich, dass sie sich eigentlich nicht mehr verdrängen lässt. Oder doch? Wie schaffen das die Leute? Und die Medien? Mir gelingt es nicht. 

Dieses Zusammentreffen zweier Krisen hat aber vielleicht - hoffentlich! - auch sein Gutes. Vielleicht ist es hilfreich für den Wald, dass ihn viele mit eigenen Augen beim Sterben erleben. Ich habe schon mit einigen fassungslosen und schockierten Erholungsuchenden gesprochen, die ich unterwegs getroffen habe. „Es geht nur ums Geld und nicht um den Wald oder um uns“, ist die geläufige Meinung dazu, die pure Ohnmacht ausdrückt. Solche Erlebnisse können und sollten jedoch zu einem achtsameren Verhalten in den Naherholungsgebieten führen. Man kann was tun, wenig, aber besser als nichts und nur Opfer sein.

Raus an die frische Luft in eine grüne Umgebung zu gehen - besonders schön an einem Gewässer natürlich - ist während der Coronakrise sehr, sehr hilfreich, egal, ob in städtische Parks oder ins Umland. Wie gesagt, haben diese Ausflüge eine bittere Note, denn wir entkommen dort zwar für ein paar Stunden der Corona-Krise, nicht aber der Klimakrise. Und weil wir nicht wissen, wie sich beide Krisen weiter entwicklen, wäre es doch ganz wichtig, sich draußen umweltbewusst(er) und nachhaltig(er) zu verhalten. Denn mehr denn je und in Zukunft wahrscheinlich noch mehr, sind wir auf einigermaßen intakte Naherholungsgebiete angewiesen. Deshalb möchte ich allen ans Herz legen: Ein guter Anfang wäre, sich im Wald grundsätzlich ruhiger zu verhalten, keinen Abfall zu hinterlassen, sondern mitzunehmen (ebenso wie Hundekot, das ist Sondermüll!), für eigene „Geschäfte“ schnell kompostierbares Toilettenpapier statt nur sehr langsam verrottende Papiertaschentücher zu verwenden und mit E- und Mountainbikes nur auf speziell dafür ausgewiesenen Wegen zu radeln. Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache: Diese Fortbewegungsmittel haben querfeldein bzw. „querwaldein“ und auf Wanderwegen nichts verloren! Sie bringen nicht nur Wanderer in Gefahr, sie verdichten zusätzlich den Boden auf den letzten noch verbliebenden schwingenden Untergründen, die für ein intaktes Ökosystem eigentlich Grundvoraussetzung sind. Mal drüber nachdenken.

 

Sonst werden wir genau das erleben, was in vielen touristischen Hotspots schon Realität ist, nämlich dass zu viele skrupellose bzw. ignorante Menschen genau das zerstören, was sie lieben und zum Leben und Überleben brauchen! Es ist in dieser Pandemie-Zeit so viel von menschlicher Solidarität die Rede; es wird Zeit, sich auch unserer Umgebung mit ihren Pflanzen und Tieren gegenüber solidarischer und weniger eogistisch-konsumistisch zu verhalten. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sind die „gesunden“ Natur- und Erholungsflächen so klein. Bis Corona war das kein so großes Problem, da doch sehr viele ihren Urlaub im Ausland verbrachten, am liebsten mit dem Flieger. Wir haben quasi jahrzehntelang die touristische Umweltzerstörung weit weg ins Ausland outgesourct. Wenn der Trend zum Urlaub und zu Freizeitvergnügen und Erholung in der Nähe bzw. in den eigenen Landen dauerhaft anhält, dann ist das zwar CO2-mäßig echt toll, aber dann holen wir uns genau diese Umweltprobleme, die mit nicht nachhaltigem Massentourismus einhergehen, zurück und belasten unsere bereits stark geschädigte „Natur“ noch mehr, echt blöd. Geschieht uns aber recht, würde ich spontan sagen. Es wird also die nächsten Jahre darauf ankommen, wie von „oben“ und „unten“ auf diese Entwicklung reagiert wird. Von „oben“, das dauert in Deutschland ewig. Ob wir so viel Zeit haben? Die Aufgabe ist ebenso gewaltig wie paradox: Es wird darum gehen, relativ intakte Waldflächen vor den Menschen zu schützen, z. B. viel mehr Bannwälder und Schutzzonen zu schaffen, und gleichzeitig mehr Menschen, vor allem den einkommensschwachen, öko- und sozialverträgliche Möglichkeiten zur naturnahen Urlaub- und Freizeitgestaltung zu bieten.

Seit Corona wird Urlaub in deutschen Landen groß beworben, auch um viele Existenzen zu retten, unter diesem Aspekt eine löbliche Sache. Dazu wurden und werden aber in den Medien regelmäßig so wahnwitzige Ideen wie in den Wäldern das wilde Campen zu erlauben, verbreitet. Was bitte schön sollen die Wälder zusätzlich zur Umweltverschmutzung, Holzindustrie und Klimawandel noch alles aushalten? Der Mythos „Deutscher Wald“ ist eine romantische Illusion. Wann wird das auch dem Letzten klar? Die Wälder, bzw., das was von ihnen noch übrig ist, sind jetzt schon völlig überfordert. Da wir von echt nachhaltigem Freizeitvergnügen und -tourismus noch sehr weit entfernt sind, werden über rein konsum- und profitorientierte Angebote und Nutzungen auch die letzten Refugien für viele Pflanzen und Tiere gestört und zerstört. Mit dem Allgemeingut Wald, was bei uns eigentlich immer Kulturlandschaft oder künstliche Natur bedeutet, Geld verdienen zu wollen oder „zu müssen“ ist folglich immer eine sehr fragwürdige Angelegenheit, die man gar nicht kritisch genug betrachten und hinterfragen kann. Dies gilt insbesondere auch für die immer beliebter werdende „wilde“ Ernährung, dem nächsten Schwerpunkt, den wir am Beispiel Wildpilze näher betrachten wollen.

 

2. Coronakrise, Klimawandel & Wildpilze

Wenn der Wald stirbt, sterben auch die Pilze, die in ihm wohnen. Viele der begehrtesten Wildpilze wie Steinpilze und Pfifferlinge leben in Symbiose mit bestimmten Bäumen. Manch „Öko“ und Waldliebhaber:in sind froh, dass die unnatürlichen Fichten-Monokulturen dem Borkenkäfer zum Opfer fallen, in gewissen Weise haben sie da auch recht, aber ohne Fichten auch keine Fichtensteinpilze, die auch in Monokulturen gedeihen, wenn es genug regnet und nicht allzuoft schweres Gerät den Boden zu sehr verdichtet. Werden ganze Großflächen gerodet, so wie das in meiner Region der Fall ist, wachsen da sehr lange überhaupt keine essbaren Pilze mehr. Dazu kommt, dass auch die oft pilzreichen Randstreifen zunehmend (mit) gerodet werden, was eine ökologische Katastrophe für jedes Waldgebiet darstellt. Sie sind plötzlich ungeschützt, es kommt zu erhöhtem Licht- und Windeinfall und weiterer Bodenverdichtung, was z. B. das Wachstum invasiver Pflanzen wie Brombeeren und Springkraut fördert, auch da wachsen dann lange keine Pilze mehr. Und ohne die Unterstützung der Pilzmyzele sterben noch mehr Bäume; es ist ein Teufelskreis.

 

Bei meinen Recherchen zu diesem Beitrag habe ich aus einem Artikel in der Los Angeles Times erfahren, dass es für meinen Gemütszustand des zuhause Heimweh zu haben bereits ein Wort gibt: „Solastalgia“, eine Kombination aus nostalgia (Nostalgie), solace (Trost) und desolation (Verwüstung, Trostlosigkeit).  Ich bin also nicht allein mit meiner Verzweiflung, das tut schon mal gut.  An der Westküste der USA lodern aktuell apokalyptische Waldbrände, das nächste Level? Sterbende Wälder sind jedenfalls ein globales Problem. Über die Brände in aller Welt wird viel berichtet,  aber kaum über die Rodungen „vor der Haustür“.  Weil sie (noch) nicht spektakulär genug sind? 

„…meine persönliche Prognose ist, dass wir in den nächsten 5- 10 Jahren 50 Prozent der Waldfläche verlieren werden.“, meint Wald-Experte Peter Wohlleben in einem DLF-Interview „Der Klimawandel trifft auf ramponierte Wälder“ vom 15.09.2020 . Das deckt sich mit meinen Eindrücken hier. Ist das nicht schlimm genug? Fakt ist, mit den Bäumen - egal wo und wie - werden auch die Menschen entwurzelt. Dazu ein Zitat, das bezeigt, dass meine Solastalgia keine Einbildung ist, aus „Wald im Klimastress“ der Landesforsten Rheinland-Pfalz (Slogan: Wald. Werte. Wahren.), FAQ Stand 14.07.2020:  

„ Bestenfalls unsere Kinder oder Kindeskinder werden in heißen Sommern auf den Kahlflächen von heute wieder einen kühlen Wald genießen können.“

Als nachhaltige Sammlerin und Pilzcoach gehe ich regelmäßig auf Exkursion und beobachte dieses ganze ökologische Desaster, das von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Mich trifft die gleichzeitige Corona- und Klimakrise mit voller Wucht. Es ist sehr schwer auszuhalten, wenn zur unverschuldeten und existenzgefährdeten beruflichen Krise eine 2. überpersönlich ökologische dazukommt (es geht immer noch schlimmer, schon klar). Trotzdem plädiere ich dafür und tue mir das selbst immer wieder an, nicht weg- sondern ganz genau hinzusehen, was da mit unseren Wäldern passiert! Geht raus und schaut es Euch an! So sieht es aus, wenn die meisten Wälder unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gemanagt werden. Die Wälder sollen nach wie vor Gewinne erwirtschaften. Der größte Gewinn wären aber einigermaßen gesunde Ökosysteme Wald. Es geht folglich um ein radikales Umdenken, dass zukunftsfähige Wälder Geld kosten und dass sie uns das wert sein sollten. 

Es ist folglich die 2. bittere Ironie der Umstände, dass gerade zu dem Zeitpunkt, wo Wildpilze hoch im Kurs stehen, viele in höchster Gefahr, wenn nicht schon vom Aussterben bedroht sind. Für jemanden wie mich, für den sie schon lange eine gesunde und schmackhafte Ernährungsgrundlage bilden, ist das höchst dramatisch und verschärft meine individuelle Krise. Ich liebe nicht nur ihren Umami-Geschmack, sie sind für mich als Vegetarierin auch ein wichtiger regionaler Fleischersatz. Noch finde ich Pilze für meinen bescheidenen Eigenbedarf, aber wie lange noch? Dann werde ich Pilze züchten müssen…das ist die Zukunft. 

Zum Glück gibt es auch leckere Zuchtpilze, aber ich werde die wilden sehr, sehr vermissen. Einen schönen Steinpilz zu sehen, löst in mir immer wieder aufs Neue einen wahren Endorphinschub aus, das sind magische Momente. Sie sind temporäre Naturdenkmäler. Ich verliere also nicht nur köstliche Nahrung, sondern auch ein wertvolles Stück Glück und Lebensqualität.

 

Es wird auf alle Fälle immer schwieriger und zeitaufwändiger, Wildpilze zu finden, nicht nur in meiner Region. Seit etwa fünf Jahren schon bin ich quasi jährlich gezwungen, neue Pilzreviere zu erschließen, die es meist im nächsten Jahr schon nicht mehr gibt. Ich muss zum Teil bewusst vergessen, was ich über Pilze weiß und gelernt habe, denn sie bilden ihre Fruchtkörper nun zu anderen Zeiten, an anderen Orten, es ist alles durcheinander und aus dem Gleichgewicht. Als PilzCoach und „wilde Köchin“ erlebe ich das ganz konkret und beobachte, wie dringend die wenigen in erster Linie von den Wildtieren zum Überleben benötigt werden. Mit denen möchte ich nicht in Konkurrenz treten. Umso mehr bekommt das echt nachhaltige Pilze sammeln für mich Bedeutung: Ich lasse noch mehr Pilze stehen als früher, erfreue mich überwiegend einfach ihres Anblicks. Und wenn ich welche mitnehme, dann konsequent nur noch 1A-Pilze, die ich - Zero Waste - zu 100% verwerten kann. Ich achte überdies darauf, dass mich niemand sieht und dass ich keine Spuren hinterlasse. Und ich erzähle nur noch absolut vertrauenswürdigen Personen, was ich wo gefunden habe - der nachhaltige Pilzsammler ist da vorsichtig. Denn leider ist es so, dass sich das nur allzuoft unkontrolliert herumspricht und diese Fundstellen dann in Windeseile von nicht nachhaltig Sammelnden geplündert werden. Und das wars dann für lange Zeit.  

Und vor allem habe ich meine Einstellung geändert, die ich gerne als Empfehlung weitergeben möchte: Ich gehe nicht mehr zielgerichtet „in die Pilze“, was tatsächlich zu einer zu großen Sammel-Fokussierung führen kann, sondern einfach in den Wald, schaue mich um und lasse mir Zeit. Ich kombiniere die Exkursionen mit Waldbaden, Barfußlaufen, Waldpflege und Dokumentation. Vielleicht finde ich statt Pilze eine schöne Feder oder so. Und wenn ich gar nichts Essbares finde, ist das ohne Frust dann auch ok. In jedem Fall war ich draußen und habe mich bewegt, was in Corona-Homeoffice-Zeiten für den nötigen Ausgleich sorgt. Geradezu beschämend ist, dass selbst ein kranker oder sterbender Wald noch seine für den Menschen wohltuende Wirkung entfaltet, buchstäblich bis er fällt. Durch die balsamische Waldluft atmet man irgendwann tiefer durch und der Puls verlangsamt sich, trotz Bewegung. Bei mir geschieht das immer so schubweise. Jedes Mal, wenn ich denke, dass ich jetzt wirklich runter bin, kommt das nächste tiefe Ausatmen und ich beruhige mich in immer tiefere Schichten hinein. Pilze suchen ist also nicht mehr erstrangig, diese Mehrzweck- Einstellung tut so gut! Ich fühle Dankbarkeit, dass ich das durch die Doppelkrise gelernt und verinnerlicht habe. 

 

Denn es ist da etwas um Wildpilze, das sich rational nicht erklären lässt: Gier?, Futterneid?, Sammelwut? - auf alle Fälle viel Angeberei, die sozialen Medien sind voller Pilztrophäen! Ich kann mir das gar nicht mehr anschauen. Es deprimiert mich, wie unnachhaltig und egoistisch Pilze gesammelt werden, übrigens auch oft von Profis, die es besser wissen müssten. Von denen bekommt man gerne den Vergleich zu hören, dass man Wildpilze bedenkenlos sammeln könne, schließlich seien sie wie die Früchte eines Obstbaumes, in Überzahl vorhanden, und der eigentliche Pilz befinde sich ja im Boden. Das letztere stimmt, aber der Vergleich hinkt: Obstbäume werden seit Jahrtausenden von Menschen gezüchtet und angebaut, um so große und viele Früchte hervorzubringen. Wildpilze dagegen lassen sich bis heute weder züchten noch pflanzen. Sie wachsen nicht für uns, sondern für das komplexe Ökosystem Wald! Man kann also davon ausgehen, dass sie da, wo sie wachsen, gebraucht werden und mehrere Aufgaben erfüllen. Und nicht zuletzt vermehren sie sich auch über die Fruchtkörper. Werden die alle gesammelt oder umgetreten  - ein äußerst beliebter Frevel -, dann kann der Pilz logischerweise weder weiter wachsen noch sich vermehren. Ich habe es mir mittlerweile zur PilzCoach-Aufgabe gemacht, Spuren vorsätzlicher Pilzzerstörung zu beseitigen, damit sie nicht als Vorbild für andere dienen können und damit es einfach wieder schöner aussieht. Vielleicht kann so auch noch der ein oder andere aussporen. Deshalb meine Bitte an alle, die trotzdem auf Wildpilzsuche gehen wollen, wogegen gar nichts spricht, wenn es umweltbewusst, nachhaltig und achtsam getan wird: Lasst die ganz kleinen und vor allem die alten Pilze stehen, die sind gar nicht mehr genießbar! Nehmt nur die und so viel Pilze mit, die ihr auch wirklich zubereiten und essen wollt. Es ist übrigens verboten, mehr als für den Eigenbedarf zu sammeln, Fakt ist aber, dass sich das kaum kontrollieren lässt. Pilz-Ranger? Noch nie gehört (ich würde den Job vielleicht machen). Reinigt sie an Ort und Stelle und lasst die befallenen in ihrem Habitat und zwar mit dem Hut nach unten, so dass sie noch aussporen können. Und Pilze, die man nicht kennt, einfach nur anschauen, höchstens einen zur Bestimmung mitnehmen. Es gibt keine schlechten Pilze, auch die ungenießbaren und giftigen spielen eine wichtige ökologische Rolle. Auch hier gilt, sie einfach ihr Pilzleben leben zu lassen.

Geradezu wütend macht mich, dass wie bei der Naherholung, just in dieser doppelten Krisenzeit, Geschäftsideen mit Wildpilzen wie - hahaha - Pilze aus dem Boden schießen. Auch diesen Angeboten gegenüber kann man gar nicht skeptisch genug sein. In Nullkommanix kann man anscheinend Pilzexperte werden, sichere "Kenner-Fundorte" finden und nach Lust und Laune bedenkenlos sammeln. Das ist natürlich völliger Quatsch, besonders jetzt. Aber nicht immer ist es so eindeutig, es gibt viel „green washing“ in dem Bereich. Bevor man also eine eine Pilzveranstaltung bucht, bitte überprüfen, ob es eine Sammelerlaubnis für die Gruppe gibt und ob nachhaltig vermittelt wird. Wildpilz-Angebote sollten immer Lehrveranstaltungen sein, kein Pilzshopping im Wald! Gruppen über 6 Personen sind aktuell in vielen Wäldern schon bedenklich, das Erlauben von wahllosem und unkontrollierten Sammeln der Teilnehmer:innen ein „no go“. Wer Fragen dazu hat, kann sich gerne an mich wenden.

 

Wildpilze kaufen, ob frisch, getrocknet oder verarbeitet, ist auch eine kritische Angelegenheit. Ich halte das für keine gute Idee, denn Sammelorte, Lieferketten, Verarbeitungsweisen und Produkte sind grundsätzlich dubios. Auch unter kulinarischen Gesichtspunkten. Frische Wildpilze vom (Super-)Markt sind für Pilzliebhaber:innen so wie Gammelfleisch für Fleischliebhaber:innen. Exemplarisch ein Tweet der ZEIT aus der Serie Wochenmarkt von heute morgen (12.09.20): „Eine Tarte wie ein ganzer Wald“, welcher bitte? Es sei nicht schlimm, wenn man keine Zeit zum selber Pilzsammeln habe - als ob sie überall massenhaft sprießen würden -, man könne die Steinpilze ja kaufen. Hach, ist das einfach und bequem! Ja, wer Geld hat, und das sind eine ganze Menge Leute im Verhältnis zu den wenigen Steinpilzen, die ich die letzten Jahre in verschiedenen Bundesländern in früher pilzreichen Wäldern gesehen habe, kann sich halt alles kaufen. Man merkt an solchen Rezeptvorschlägen, wie hartnäckig sich romantische Vorstellungen von prächtigen Wäldern voller Steinpilze und von Wildpilzen von glücklichen Sammler:innen in privilegierten Kreisen halten. Der Gipfel des bourgeoisen, ignoranten und unsozialen Lifestyles ist erreicht, wenn während die Steinpilz-Tarte im Ofen backt, der Holzofen gemütlich knistert und den Wald verbrennt, in dem die Steinpilze wachsen. (Herr Kachelmann wird (zum Glück) nicht müde, gegen diese krank machende, umweltverpestende und „dümmste Energie- und Umweltpolitik ever“ anzutwittern.)

Man muss nicht alles haben und essen, nur weil es angeboten wird oder weil man es sich leisten kann. Beim Thema nachhaltiger Konsum geht es auch um bewussten Verzicht, ja Verzicht! Ein Rezept mit Zuchtpilzen wäre auf Höhe der Zeit gewesen, in der Wälder, nicht nur in Deutschland, krank und bedroht sind wie nie zuvor, vom Klimawandel und der Holzindustrie gleichermaßen. Wildpilze sollten meiner Überzeugung nach nicht reisen, was ihnen frisch auch gar bekommt, sondern regional genossen werden und zwar in 1. Linie von den Menschen, die da leben. Nur in sehr guten Pilzjahren ist es m. E. vertretbar, auch Menschen von außerhalb an den Köstlichkeiten teilhaben zu lassen. Sie sind eines der wenigen kulinarischen „Luxusprodukte“, die das ländliche Leben in strukturarmen Gebieten einer eher einkommensschwachen Bevölkerung zu bieten hat. Diese für lächerlich wenig Geld von Einheimischen (oder noch schlimmer von auswärtigen „Drückerkolonnen“ im Akkord) sammeln zu lassen und dann teuer an reiche Städter oder Edelrestaurants zu verkaufen ist infam. Denn man zwingt diese Menschen zum Ausverkauf und letztlich zur Zerstörung ihrer wilden Nahrungsressourcen und nimmt ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, besser durch eine Krise zu kommen, also wem da nicht der Appetit vergeht…  Das Nahrungsmittelangebot ist in den Städten so ungleich viel größer, auch was Zuchtpilze betrifft. Lasst den Menschen im abgehängten ländlichen Raum doch bitte wenigstens die paar Wildpilze! Mal drüber nachdenken.

 

3. Coronakrise, Klimawandel & Gärtnern

Aller guten Dinge sind 3, weshalb wir zuletzt noch die 3. bittere Ironie der Doppelkrise betrachten, das private Gärtnern. Wohl noch nie wurde so viel gegärtnert und selber Gemüse angebaut wie seit März 2020. Auch das ist eigentlich eine großartige Entwicklung, die dazu eine gesündere Ernährung fördert und überdies gut für die Sämereien, Gartencenter und Baumärkte ist, die man zu den Krisengewinnern rechnen darf. Nur dumm, dass es fast überall viel zu trocken ist! Dazu sinkt vielerorten der Grundwasserspiegel, in manchen Gemeinden herrscht schon Wasserknappheit. Wie schön, teuer und liebevoll die Gärten und Beete auch angelegt und bepflanzt werden, ohne Wasser wächst nichts. Das ist die nicht zu ändernde Wahrheit. Es ist angesichts dieser Situation sehr befremdlich, dass auch noch nie so viele Swimmingpools gebaut wurden und viele immer noch stur ihren (nicht essbaren) Rasen künstlich düngen und bewässern, von den nach wie vor im Trend liegenden, ebenso umweltfeindlichen wie hässlichen Steinwüsten-„Tod-Gestaltungen“ ganz zu schweigen. Gechlortes Pool-Wasser ist Abwasser, das über die Kanalisation entsorgt und bezahlt werden muss. Ich verstehe, dass man sich angesichts geschlossener Bäder und Badeurlaubverzicht eine eigene Bademöglichkeit schaffen möchte, so man es sich denn leisten kann. Was ich in dieser Trockenzeit überhaupt nicht mehr kapiere ist, warum man stattdessen nicht ein natürliches Gewässer anlegt, in dem man genauso baden kann, das aber gleichzeitig Wasserreservoir für den Garten ist sowie wertvolle Tränke für Insekten und Vögel. 

Es amüsiert mich immer wieder, genauso wie es mich traurig macht, wenn ich erlebe, dass Leute gleichzeitig Pestizide und Bienenhotels kaufen. Bienen rettet man nicht mit Bienenhotels, sondern durch eine naturnahe Gartengestaltung ohne Gift und Kunstdünger. Es scheint nach wie vor sehr viel Informations- und Aufklärungsbedarf zu geben. Dabei kann man sich im Internet so leicht Informationen und Anregungen für natürliche Gartengestaltung holen, weshalb ich nur ein paar Punkte ansprechen möchte, die speziell mit Wasser, der Grundvoraussetzung allen Lebens, zu tun haben: Informiert Euch über Permakultur, keine Anbauweise hat mehr verstanden, dass vor jeglicher Pflanzung geklärt werden muss, wo genug und nachhaltig Wasser herkommt, ohne den Wasserhahn aufdrehen zu müssen. Als wir vor über 20 Jahren unseren Biogarten angelegt haben, war Wasser das geringste Problem. Es hat gefühlt nur geregnet, weshalb wir nur 3 Regenfässer mit je 300 Liter aufstellten, sie wurden nie leer. Seit 3 Jahren werden sie kaum mehr voll, weshalb ich seit dieser Zeit kein Gemüse wie Tomaten und Gurken mehr anbaue, das viel Wasser braucht. Es macht ökologisch einfach keinen Sinn und ist auch viel zu arbeitsaufwändig und teuer - ja, bei mir muss sich der eigene Bio-Anbau auch rechnen, ich kann mir keine „10-Euro-Tomate“ leisten. Stattdessen wächst in meinem kleinen Gewächshaus jetzt den ganzen Winter über vitaminreicher Portulak, den ganzen Sommer lang Petersilie und Himbeeren, ohne dass ich auch nur einmal gegossen hätte. Geht doch. Man muss sich nur anpassen. Wer also wie ich momentan keine finanziellen Ressourcen hat, um ein geschlossenes Wassersystem oder ein nachhaltiges Wasserreservoir anzulegen, der kann es machen wie ich und z. B. anspruchslose essbare und gesunde Wildpflanzen wie Giersch und Brennnessel anpflanzen. Oder mediterrane Kräuter wie Rosmarin und Thymian. Oder Beerensträucher, die auch mit wenig Wasser auskommen und zudem Dank dem sonnigen Wetter reichlich leckerste Früchte tragen. Siehe dazu auch den Blog-Beitrag: „Essbare & „wilde“ Gärten“.

 

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man auch mit wenig Wasser und wenig Geld einen schönen Garten haben kann, der zudem reichlich Nahrung produziert. Neben Mulchen und Naturdüngung ist es das Allerwichtigste für genug Beschattung zu sorgen, die dem Garten auch bei langen Dürreperioden das Überleben sichert und außerdem viel Gießerei erspart. Pflanzt Büsche mit essbaren Früchten wie die genügsame Felsenbirne und (Obst-)Bäume und kümmert Euch um sie, bis sie auf „eigenen Wurzeln stehen“ können. Nicht nur ihr, der ganze Garten profitiert davon und Vögel und Insekten freuen sich. Im Mikroklima eines alten Baumes ist es mehrere Grad kühler, die Luft ist frischer, das ist wirklich unglaublich. Auch unglaublich erholsam wenn es mal wieder anhaltend heiß ist. Es geht also bei Trockenheit nicht darum weniger, sondern im Gegenteil mehr anzupflanzen, aber das klimatisch und ökologisch Richtige! Wer keinen eigenen Garten hat, kann sich einem Gemeinschaftsgarten anschließen (oder einen gründen!?) oder sich für öffentliche Grünanlagen, die man essbar und ökologisch gestalten kann, ehrenamtlich engagieren. Da ist noch viel Luft nach oben und jetzt wäre genau der richtige Zeitpunkt, (endlich) damit anzufangen. Allein unter den Stichworten „Essbare Stadt“ und „Urban Gardening“ findet man reichlich Inspiration, Informationen und Kontakte.

 

Die Lage ist ernst. Wo ist die Welle der Empörung? Warum berichten die Medien so wenig darüber? Noch immer werden uns die regenlosen Dauerhochs als „Corona-Wettergeschenk“ verkauft, was mehr als zynisch ist. Das kann man so empfinden, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Notabene, das Problem ist weder die Hitze noch die Sonne, beides sei allen gegönnt, das Problem ist, dass es nicht genügend regnet. Die Lebensmittelpreise für Obst, Getreide und Gemüse werden deswegen weiter steigen, echt super, tolles Geschenk, vor allem, wenn man (noch) weniger Geld also sonst hat. Kranke bis tote Wälder und vertrocknete Felder sind auch kein Geschenk, sondern eine Bankrotterklärung der dafür zuständigen Ministerien und Institutionen und der lokalen bis globalen Holzindustrie. Und unserer Regierung, die sich nach wie vor, gerade wieder in den Medien rauf und runter, lieber um die Automobilindustrie sorgt, die sich seit Jahren von Steuergeldern finanzieren lässt, ohne irgendeinen nachhaltig-zukunftsfähigen Plan zu haben. Es ist zum verrückt werden.

Wer jetzt gleich wieder abwertend denkt, so in der Art: “Was regt die sich wegen ein bißchen Wald und paar Pilzen so auf angesichts der dramatischen humanitären Katastrophen, die durch die Corona-Krise ausgelöst oder verstärkt werden?“,  dem sei gesagt, dass es eine geläufige perfide Taktik mit System ist, ökologische und soziale Probleme gegeneinander auszuspielen. Bei so einigen ist das schon zu einem (unbewussten) Reflex geworden. So viele wichtige Diskurse werden dadurch vergiftet. Dabei handelt es doch „nur“ ein typisches Henne-Ei-Problem: Hinter vielen sozialen Problemen stecken ökologische und umgekehrt. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Leute anfingen, das immer zusammen zu denken. Denn dann ist es doch egal, wo man ansetzt. Hauptsache, es wird überhaupt nach nachhaltigen Lösungen gesucht und konkret etwas getan. Niemand kann mit seinem Engagement gleich die ganze Welt retten. Wir kämen allesamt besser durch die Doppelkrise, wenn wir wohlwollender (= sozialer) miteinander kommunizieren würden - besonders in den (a-)sozialen Medien -, statt ständig sofort darüber zu meckern, was jemand nicht oder nicht perfekt genug macht. Mal drüber nachdenken.

 

Viele fühlen sich bereits von den Corona-Regeln und -Einschränkungen genervt und gegängelt. Wollen wir wirklich darauf warten, dass es für draußen - von Wald bis Garten - auch nur noch Verbote und massive Einschränkungen gibt? Noch gibt es in allen drei Bereichen viele Möglichkeiten des freiwilligen und aktiven Engagements für eine lebenswerte, nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltung und Nutzung unserer Lebensumwelt, „Natur“ und Wälder. Nutzen wir sie. 

In Anbetracht von Corona- und Klimakrise zählt jede einzelne gute ökologische Tat, sei sie auch noch so klein. Und ist wichtig, genauso wie jede einzelne Person, die sich seinen Möglichkeiten und Ressourcen gemäß um ökofaires und ökosoziales Handeln bemüht. Es gibt und gelten keine Ausreden (mehr), irgendwas Umweltfreundliches kann jede:r tun und beitragen. Und auf irgendetwas Umweltschädliches kann auch jede:r verzichten.

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© Irene Wild - Büro für Nachhaltige Esskultur 2020

 

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