Corona-Update: Das Ende der Dienstleistungs-Illusion

Nur irgendwie nachhaltiger und klimafreundlicher soll der neue alte Konsum sein, ein Widerspruch in sich, der auf naive Weise der Beruhigung des schlechten Gewissens dient, wo doch zeitgleich die Europäische Umweltagentur einen vernichtenden Bericht zum „Zustand der Umwelt“ veröffentlicht (s. www.umweltbundesamt.de).

 

Die Lage ist wahrlich kompliziert und vertrackt, was die menschliche Neigung nach schnellen und einfachen Lösungen erhöht. Sie könnte fatal sein. Denn Corona hat augenscheinlich das Potential, zur Zerreißprobe unseres Selbstverständnisses zu werden, als Wirtschaftsmacht, als Dienstleistungsgesellschaft und! als fühlende und nähebedürftige Spezies. Jetzt rächt sich sie Auslagerung wichtiger Produktionen ins Ausland, während zeitgleich eine Unmenge Dienstleister arbeitslos geworden oder existenzbedroht sind. Dafür stehen exemplarisch 3 Branchen: Tourismus, Gastronomie und Kultur. In diesem Trio nimmt die deutsche Kulturlandschaft, die auf der ganzen Welt bewundert wird, die Rolle des Stiefkindes ein. Stiefkinder des Stiefkindes sind nach wie vor die freischaffenden Selbstständigen und die privat betriebenen Kultureinrichtungen, die ohne staatliche Hilfe für die Breite und Vielfalt des Kulturangebotes sorgen. Bis jetzt, Stand Ende Mai, ist weder angedacht, die Corona-Soforthilfe zu verlängern, noch sie fair zu vereinheitlichen, noch sie den Bedürfnissen und Realitäten der Betroffenen anzupassen. Das staatliche Kulturmanagement versagt. Das ist kein Jammern, schon gar nicht auf hohem Niveau, sondern eine Tatsache, die einfach medial zu kurz kommt weil es, so wird laufend insinuiert, doch so viel wichtigeres gibt: Automobilindustrie, Lufthansa, Einzelhandel um nur einige zu nennen, und eben Tourismus und Gastronomie. Sind die wirklich wichtiger als Kultur? Um welche Wichtigkeit geht es überhaupt? Diese Fragen müssen erlaubt sein.

 

Auffallend ist, dass hauptsächlich auf der Geldebene überlegt und verhandelt wird, damit ist die Frage der Wichtigkeit schnell geklärt. Auf zum Teil schockartige Weise wird zeitgleich erlebt, dass viele dieser Dienstleistungen weder systemrelevant noch überlebensnotwendig sind. Um es auf den Punkt zu bringen: sie sind großteils purer Luxus, das haben sie miteinander gemein.

So ist es doch sehr befremdlich, dass in den Hauptnachrichten kürzlich zu hören war, „wir alle“ hätten uns nun endlich wenigstens Sommerurlaub verdient, und dass man alles unternehmen werde, um ihn auch im Ausland zu ermöglichen. Wer ist mit „wir alle“ gemeint? Sicherlich nur die, die finanziell nicht von der Krise betroffen sind. Oder gibt es Überlegungen über eine Postcorona-Urlaubs-Soforthilfe? Das wäre die doch die einzig konsequente Lösung, wenn man von Regierungsseite Urlaub zu einem deutschen Grundrecht hochstilisiert. Oh, mit solchen Überlegungen sind wir ja schon ganz nah an Themen wie Grundrente und Grundeinkommen! Diese werden jedoch aktuell mehr denn je tabuisiert. Stattdessen ist man zu der wirklich unfassbar schlichten Überzeugung gekommen, dass Abstandsregeln und Mundschutz-Pflicht ausreichen, um das Konsumbürgerleben wieder auf das gewohnte Level, am liebsten noch darüber, hochzufahren - „wir alle“ haben ja anscheinend Nachholbedarf. (Ich nicht.)

 

Seit den „Lockerungen“ fühle ich mich marginalisiert und explizit nicht Teil dieser Dienstleistungsdebatten und -planungen, obwohl ich selber „schon immer“ Dienstleisterin bin. Irgendwie bizarr. Ich erlebe das derart, als ob ich gar nicht mehr existieren würde. Das einzig Tröstliche daran ist, dass es sehr vielen so geht. Urlaub machen? Essen gehen? Ins Kino oder Theater oder in einen „Club“ gehen? Ich habe echt andere Sorgen! Kann ich mir auch alles nicht leisten. Und vor allem habe ich unter diesen Voraussetzungen und Bedingungen überhaupt keine Lust dazu!! Darum geht es bei meinen Überlegungen, um diese Unlust, die mich weiter in die soziale Isolation treibt, obwohl ich auch diese ganz bestimmt nicht anstrebe. Ich befinde mich in dem Dilemma, mich sinnbildlich zwischen Pest und Cholera - zunehmende Isolation oder enttäuschende soziale und kulturelle Teilhabe? - entscheiden zu müssen, und bin auf der Suche nach einer machbaren Lösung oder einem akzeptablen Kompromiss, verbunden mit dem heimlichen Wunsch und der innigen Hoffnung, es würden sich in allen Branchen bald neue, dritte Wege eröffnen, die sozial und ökofair wären, Stichwort echt nachhaltiger Konsum, kein Green-Washing, kein künstlich am Leben erhalten menschen- und klimafeindlich ausgerichteter Unternehmen.

 

Verschwunden sind jedenfalls die angenehmen Gefühle von Solidarität und Gleichheit während der Wochen der für alle geltenden und bundesweit recht einheitlichen Einschränkungen. Jeden Tag spüre ich deutlicher: Jetzt wird es häßlich. Und fies. Heuchlerisch, offen oder verdeckt. Und krank. Und gestört. Neidisch und mißgünstig, denn vor allem: gnadenlos egoistisch und narzisstisch. Diese seltsamen Anti-Corona-Demos sind nur ein klitzekleiner Auswuchs davon. Ich vermute, dass so heftig auf sie reagiert wird, weil ich nicht die Einzige bin, die ein zunehmend ungutes Gefühl bezüglich der psychischen Auswirkungen von Corona hat. Einige wenige explodieren, aber wie viele Menschen implodieren und traumatisieren gerade auf ganz unsichtbare Weise? Die Corona-Chance ein neues, solidarisches und faireres gesellschaftliches Wir-Gefühl zu erzeugen ist vielleicht bereits vertan. 

Ich finde es wichtig, die diffusen Bauchgefühle und widersprüchlichen Eindrücke in den Kopf zu bringen, zu versachlichen, um sie auch - ja, irgendwie diskutieren und kontrollieren zu können. Zumindest soweit, dass sie nicht lähmen, sondern dazu aktivieren und motivieren, sozial, kooperativ, gelassen, vernünftig, emphatisch, solidarisch, souverän, kreativ und handlungsfähig zu bleiben. Kurzum, irgendwie menschlich und artgerecht. Ich bin mir nicht sicher, ob das systembedingt jetzt und in Zukunft überhaupt noch möglich ist…auf alle Fälle wird es durch Corona noch schwieriger als vorher schon. 

 

Denn die Corona-Krise zerstört endgültig das Märchen, dass „wir“ eine Leistungsgesellschaft sind, in der sich diese rechnet und belohnt wird. (Und in der Frauen gleichberechtigt seien, aber das ist ein anderes trauriges Thema). Es geht schon lange nicht mehr um Leistung. Wenn ja, müsste die Einkommensverteilung doch eine ganz andere sein. Denn wie kann es sein, dass 1. so viele systemrelevante und sehr schwer arbeitende Menschen (Gesundheit, Pflege, Einzelhandel, Logistik etc.) und 2. so viele Menschen, die für gute Laune, Bildung, Erholung und Vergnügen, also für sinnlich-erlebnisreiche Belohnung sorgen (Tourismus, Gastronomie, Kultur etc.), die überhaupt erst die Leistungen der 1. Gruppe mit ermöglichen, so schlecht bezahlt werden und in immer prekärere Arbeitsverhältnisse kommen? Und nun seit Corona noch weniger haben oder schon existenzbedroht bzw. arbeitslos bzw. ohne Einkommen sind? Oder erkrankt oder tot, weil sie geholfen haben? Es gab ein bisschen Applaus, hier und da ein paar Boni (aber nicht für die systemrelevanten Putzkräfte soweit ich informiert bin). Das wars?! Ich weiß, dass sich sehr viele Menschen materiell allein gelassen fühlen, aber vor allem einfach nicht genügend oder überhaupt nicht beachtet und anerkannt. Das ist, was sie so schmerzt. Nicht Teil dieses schwach und schlecht kommunizierten Wir-Gefühls zu sein. Weil „wir“ keine Leistungs-, sondern schon lange eine Erfolgsgesellschaft geworden sind. Und der Erfolg bemisst sich nicht mehr nach tatsächlicher Leistung (Arbeitskraft, Intelligenz, Kreativität, Relevanz etc.), sondern nach Gewinn und immer mehr nur noch nach kurzfristigem Umsatz und Wachstum, egal, wie sie zustande kommen und auf wessen Kosten (Ausbeutung von Menschen, Zerstörung der Natur etc.). Wer also auf diese Weisen nicht erfolgreich ist (oder sein will!), kann nicht zum „wir“ gehören. Schlimmer noch. Eigentlich haben wir nämlich schon die nächste Stufe erklommen, die von der Erfolgs- zur Aufmerksamkeits-Gesellschaft. In diesem sich ausbreitenden gesellschaftlichen Selbstverständnis geht es weder um Leistung, noch um monetären Erfolg, es reicht völlig, so zu tun als ob man etwas leiste, Erfolg und Geld hätte, Hauptsache, man hat die Aufmerksamkeit! Das ist die neue Währung, „fake it till you make it“ das neue Erfolgs-Mantra. Nur wer Aufmerksamkeit erzeugen kann, egal wie - masslose Übertreibungen, simple emotionale Botschaften, gefakte Inszenierungen und Lügen sind beliebte Stilmittel - kann das Erfolgs-Narrativ der westlichen Welt aufrechterhalten. Dazu ist das Leistungsmärchen nach wie vor unabdingbar. Denn wie sonst ließe sich der wahnwitzige Reichtum, der sich ab einem bestimmten Level ohne Zutun von selbst exponentiell vermehrt, rechtfertigen? (Notabene, es gibt auch immer mehr Superreiche). Eben. Gar nicht. Oder wie? Corona wird diese Entwicklung, die nichts anderes als ein neues Level der Entfremdung darstellt (des Menschen vom Menschen und des Menschen von Natur und Umwelt und des Menschen von der gesamten analogen Welt), über die Verlagerung des Lebens in die virtuelle Welt massiv beschleunigen, und das global und mehr oder weniger unkontrolliert bzw. unkontrollierbar. Und wenn kontrollierbar, dann von einer Handvoll einzelner Männer (Amazon, Google etc.) ohne politisches Mandat und mithilfe künstlicher Intelligenz, d. h., ohne irgendeine Form demokratischer Legitimität und Menschlichkeit.

 

Auch das Erfolgs-Wir geht in vielen Kernbereichen fraglos materiell geschwächt und narzisstisch gekränkt aus dieser Krise hervor. Schnell die Wirtschaft wieder gut geölt ans Laufen zu bringen, der erhoffte V-Verlauf - schnell runter und wieder hoch -, rückt von Tag zu Tag in weitere Ferne. Droht eine große Rezession? Genauso oder gar schlimmer, leider (noch) kaum greif- und erfassbar, scheinen mir aber die seelischen Auswirkungen zu sein, die eben nicht nur die „Loser“ betreffen. Man hat das Gefühl, dass sich die ganze Gesellschaft am Rande eines kollektiven Nervenzusammenbruchs befindet. Oder ist sie bereits mittendrin? Was kommt danach? Eine Psychose? Der Burn-Out? Oder eine (Zwangs-)Therapie? Materiell jammern wir global betrachtet auf hohem Niveau. Gilt das auch für unsere seelische und geistige Verfassung, frage ich mich? Ich weiß es nicht, aber ich wünschte es mir.

 

Noch überwiegt ein verhaltener Optimismus, der tatsächlich etwas Beruhigendes an sich hat. Uns wie kleine Kinder zu beruhigen, das ist Merkels große Stärke. Vielleicht im Moment gar nicht so schlecht. (Denke ich das wirklich?) Wenn es nur funktionieren würde. Das tut es aber leider nur oberflächlich und verschiebt die Ängste in unbewusste, schwer zu erreichende und damit nicht kontrollierbare Bereiche. Es ist kindisch zu meinen, wenn man die Augen verschließt, wären die Gefahren weg. Wie dem auch sei, fürs erste scheint die Lockerungs-Rechnung aufzugehen: Die Straßen, Geschäfte und öffentliche Räume füllen sich, der Geräuschpegel hat schon wieder Vorcorona-Level erreicht, vorbei Vogelgezwitscher und Insektengesumme. Business as usual? Weit gefehlt. Was ich in meinem ländlichen Shopping-Umfeld beobachte sind trotzig-aggressiver und verbissener Konsum. Niemand schaut sich mehr, wie noch vor kurzer Zeit, lächelnd und verständnisvoll in die Augen. Die meisten blicken nach unten und sind ganz für sich alleine unterwegs mit dem Ziel, endlich den verpassten Konsum nachzuholen, egal wie und zu welchem Preis. Und gefälligst dalli-dalli. Vorbei die bereitwillige Akzeptanz der Verlangsamung an den Kassen. Selbst mit 2 Meter Abstand spürt man quasi schon wieder den Einkaufswagen im Rücken. 

 

Ich kaufe, also bin ich, diese Rückversicherung brauchen viele jetzt. Kaum jemand hat hier gute Laune dabei, ersichtlich schon gar nicht, es herrscht eine Stimmung freudloser und nervöser Gereiztheit, die sich jederzeit ohne Vorwarnung oder grundlos, zumindest unangemessen, in barschen Äußerungen, Gesten und rücksichtslosem Verhalten Bahn bricht. Gestern fuhr eine Frau in einem fetten SUV auf einer engen Straße geradewegs auf mich zu. Sie nahm mich gar nicht wahr, saß wie ein Zombie hinter ihrem Steuer. Es war nicht die leider hier übliche Provokation, wer als erstes ausweicht (ich halte schon seit Jahren einfach freiwillig an). Da wird man wenigstens bemerkt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich danach mal zurücksehen würde! Solche Erlebnisse machen mir angst. Ich gewöhne mir auch gerade ab, beim Einkaufen Fragen zu stellen, weil ich es gerade nicht mehr aushalte, dass die Verkäufer:innen ihren Streß und Frust („Es gibt Lieferengpässe!!“) über mich auskübeln. Noch vor Kurzem waren sie so freundlich. Sie tun mir natürlich leid, jetzt die ganze Schicht über mit Mundschutz verbringen zu müssen, der unangenehm ist und alle Kommunikation erschwert. Einkaufen ohne Kommunikation, sieht so die Zukunft aus? Man solle das lokale Gewerbe unterstützen, ich bemühe mich seit Wochen um freundliche Kommunikation dabei, es hat mir nicht ein nettes Erlebnis beschert. Besser ins Internet-Shopping abwandern? Pest oder Cholera…es ist überall dasselbe. Meines Erachtens brauchen wir ganz dringend neue wirtschaftliche Wege und Lösungen, bei denen Sozial- und Umweltverträglichkeit Priorität haben sollten und nicht Wachstum und Profit, denn nichts wird mehr wie vorher sein! Ein Paradigmenwechsel steht bevor.

Wenn wir ihn nicht bewusst gestalten wollen oder dürfen, dann wird erstmal „alles wie vorher, nur etwas schlimmer“, wie es der Einsamkeitsspezialist Houellebecq neulich ausdrückte. Wird das noch erträglich sein? Beim Klimawandel ist viel von Kipp-Punkten die Rede. Wenn die erreicht oder überschritten werden, dann werden sich selbst verstärkende Prozesse in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen und zu kontrollieren sind, und die erstmal sehr zerstörerisch wirken. Funktioniert das biologische System Mensch auch so? Steuern wir analog auf psychische Kipp-Punkte zu?  

 

Die Lockerungen machen jedenfalls mit Social Distancing und Mundschutz wenig bis überhaupt keinen Spaß! Die „neue Normalität“ ist vielmehr eine einzige Zumutung, bei der viel Menschliches auf der Strecke bleibt. Zu viel? Krisen lassen Menschen üblicherweise näher zusammenrücken und einander vertrauen, das lässt sich biologisch nachweisen, diese jedoch zwingt uns nach wie vor misstrauisch voneinander weg. Der Neurowissenschaftler James Coan nennt das „ganz schön beschissen“. Solch ehrliche Worte tun gut diese Tage. Sie decken sich mit meinen subjektiven Eindrücken, die nur verdeutlichen sollen, warum ich mit den dominierenden Happy Shopping- und Konsum-Berichten beim besten Willen nichts anfangen kann. Und dass es eben auch diese Erlebnis-Variante gibt: null solidarisch, null freundlich, null angenehm, null erfreulich. Für mich ist Einkaufen nur noch ein auf lebensnotwendige Produkte beschränktes Muss, dem ich mich so selten wie möglich aussetze. 

 

Wenn die erste Kaufeuphorie abklingt ist zu befürchten, dass immer mehr merken, dass Käufe und Dienstleistungen, vor allem die nicht überlebensnotwendigen, ohne den implizierten und wesentlichen Gratis-Erlebnis-Mehrwert menschlicher Nähe, Aufmerksamkeit, Berührung, Kommunikation, sehen und gesehen werden etc. im Grunde nichts wert und sinnlos sind. Und dass dann tatsächlich auf letztendlich sozial motivierte Dienstleistungen, zu denen Urlaub, Gastronomie und Kultur gehören, lieber oder häufiger verzichtet wird. Zugespitzt lautet dann die Frage: Was nützen Öffnungen, Freiheiten und Erlaubnisse, wenn sie niemand nutzt, weil sie unattraktiv sind und die elementarsten sozialen Bedürfnisse nicht befriedigen?

 

Was dann? Es wird einfach grundsätzlich verkannt oder ignoriert, dass unsere gesellschaftlichen Hauptprobleme schon lange Vereinsamung und Entfremdung sind. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass hinter allen ökonomischen und ökologischen Problemen ungelöste soziale Fragen stehen. Corona macht sie sichtbarer. Sichtbar genug? 

 

Globalisierung, (Hyper-)Individualisierung und das moderne Leben mit all seinen bis dato sprichwörtlich grenzenlosen Möglichkeiten werden hauptsächlich dafür verantwortlich gemacht. Das ist richtig, aber meiner Ansicht nach kommt die Ökonomisierung des gesamten Lebens bis hinein in die Privat- und Intimsphäre im Diskurs zu kurz. Gerade jetzt, wo es um die Ankurbelung der genannten Dienstleistungsbereiche geht, wird stur und trotzig die Illusion eines genussvollen und endlos wachsenden Konsums aufrechterhalten, der über ausgeklügeltes Marketing vorgaukelt, dass man Liebe, Bindung, Emotionen und Aufmerksamkeit kaufen kann, wo es doch faktisch schon lange ausschließlich um die Umverteilung von Geld geht, um Marken bzw. Image und darum, mit jeder noch so kleinen Aktivität eine profitable und/oder medienwirksame Geschäftsidee zu verbinden, gerne und zunehmend auch im privaten Bekannten-, Freundes- und Familienkreis. (Selbst wenn diese Illusion erstmal einigermaßen weiter so funktioniert, ist doch spätestens mit ihr Schluß, wenn nicht genügend Geld mehr da ist, um sie kaufen sie können. Dafür gibt es bestimmt auch einen Kipp-Punkt. Dann kollabiert das System. Deshalb wird jetzt ohne Ende Geld in das System gepumpt, von dem niemand weiß, wo es eigentlich herkommt und wer am Ende die Rechnung bezahlt.)

 

Ebenso, besser deshalb, wird verzweifelt versucht, das dazugehörige Marketing-Narrativ, dass die Kunden Freunde seien und dass man zusammen eine exklusive „happy community“ bilde, aufrechtzuerhalten. Jetzt, wo das dafür benötigte Spielgeld doch bei vielen auf beiden Seiten bereits knapper wird, machen viele Dienstleister:innen die ernüchternde Erfahrung, dass es sich um reine Geschäftsbeziehungen handelt, nicht um Freundschaften, schon gar keine echten. Stimmt die Leistung nicht mit den Versprechungen überein, anders formuliert, ist es den Live-Dienstleistern in der Analog-Welt aufgrund von Distanzregeln, allgemeiner Verunsicherung und Mißtrauen nicht mehr möglich, die Illusion von Freundschaft, Nähe und positiven Emotionen mit zu verkaufen, dann werden die Kund:innen wegbleiben, die Treue sang- und klanglos aufkündigen und sich woanders umschauen. Vermutlich im Netz. Noch funktioniert das ein bisschen mit dem Live-Dienstleister-Support über den Verkauf von Gutscheinen etc., aber wie lange? Übrig bleiben dann bestenfalls ein paar „echte Fans“. Wir erleben gerade, zu welch ungesunden Auswüchsen das führen kann, wenn Dienstleister (ja, es sind vor allem Männer) mit vielen Follower-Fans zu Verschwörungsverbreitern werden, nur um sie - ja, mit Gewalt - zu binden und um Aufmerksamkeit zu erregen, weil es auf „normalen“ Wegen nicht mehr geht, es ist echt beängstigend. 

 

Zusätzlich erleben viele Dienstleister die Durchökonomisierung ihres Daseins bis hinein ins Schlafzimmer, besonders die existenzbedrohten. Auch ihre engsten menschlichen Beziehungen entlarven sich u. U. als „Schönwetter-Geschäftsbeziehungen“. In entsprechenden Foren erfährt man, dass nicht wenige mittlerweile die Grundsicherung beantragt haben, diese aber abgelehnt wurde. Warum? Oft, weil der Lebenspartner zu viel verdient und sie mit versorgen solle und könne. In guten, wie in schlechten Zeiten, war da nicht was? Ist das nicht ein Urmotiv der echten Liebe? Auf alle Fälle, die Betroffenen fallen wirklich aus allen Wolken! Sie können nicht fassen, dass unser Rechtsstaat die familiäre Unterstützungspflicht vor die staatliche stellt. Sozial seinerzeit großartig gedacht und umgesetzt, aber offensichtlich nicht mehr zeitgemäß. Und man ahnt: Der oder die Partner:in ist nicht gewillt, das eigene Einkommen zu teilen oder auf gewohnten Luxus zu verzichten, so war das nicht ausgemacht. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was und wie da innerhalb von Beziehungen verhandelt wird, wo jede:r schon immer nur sein eigenes Bankkonto und die eigenen Interessen im Kopf hatte. In dem irrigen Glauben, man sei ausschließlich selbst für stetigen Erfolg verantwortlich und dass eine permanente Selbstoptimierung diesen garantiere. In Krisenzeiten vertraue ich gerne überprüfbaren Zahlen. Man kann gespannt sein, wie sich die Corona-Krise statistisch auf die Trennungs- und Scheidungsraten auswirken wird. Ich weiß nicht, wie es in anderen Branchen ist, aber die moderne Dienstleistungsbranche, und hier vor allem Kulturschaffende, da notorisch schlecht bezahlt und kaum abgesichert, trifft es doppelt und dreifach, ohne Netz und doppelten Boden. Die gut gehegten und genährten Illusionen platzen eine um die andere. Übrig bleibt jede:r. für. sich. alleine.

 

Wir beobachten fiebrigen Verzweiflungs-Aktionismus. Es ist wirklich rührend, was man sich nicht alles einfallen lässt, um die Kunden-Freunde anzulocken. Neben den (unhaltbaren) Versprechungen, dass alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten würden und sich die Gäste ganz sicher fühlen können, wird eifrig an „Lösungskonzepten“ gebastelt. Diese sehen beispielsweise vor, Gäste zum Essen in Gewächshäuser zu stecken oder Plexiglas-Trennwände zwischen Paaren aufzurichten. Am Buffet darf man nur noch drauf zeigen, was man haben möchte und es wird dann zum Tisch gebracht. Wie lange wird das bitte dauern? Hat schon mal jemand öffentlich über die Toiletten nachgedacht und gesprochen? Viele Hotels, Bars, Restaurants, Cafés, Clubs etc. haben kleine oder unzureichende sanitäre Anlagen. Wie darf man sich das dann vorstellen? Eine 2-Meter-Abstand-Warteschlange quer durch den Betrieb? Mit „Hihi, schau mal, die hält es nicht mehr aus?“-Kommentaren? Toilettennutzung nur auf Anmeldung? Per App womöglich? Oder mit Signallampe am Tisch wie zur Abholung von Essen? 

 

Vielleicht sind diese Neuerungen das erste Mal amüsant. Und vermutlich wollen viele zu den ersten gehören, diese neuen Situationen kennenzulernen. Das macht einen ja irgendwie wichtig und man hat in den sozialen Medien was zu posten. Wie gesagt, im Moment sind viele fest entschlossen, ihren vermeintlichen Anspruch und Nachholbedarf auf Urlaub, Konsum und Kultur, so schnell wie möglich durchzusetzen. Überdies sind viele Urlaubskassen gut gefüllt, weil Oster- und Pfingsturlaub ausgefallen sind. Da kann man es jetzt doch bald mal so richtig krachen lassen. Wenn am Ende, oder nach dem 2. oder 3. Mal aber vor allem Enttäuschung und diffuse Leere übrig bleiben, weil menschliche Grundbedürfnisse, um die es bei jedem Handel auch geht, nicht gestillt werden, was dann? Und was, wenn die überall unterschiedlichen Abstands- und Hygieneregeln einem allgemeinen, verständlichen und nur allzu menschlichem Übermut zum Opfer fallen? Droht dann nicht die schon seit langem befürchtete 2. Corona-Welle? So viele Menschen länderübergreifend touristisch wieder in Bewegung zu bringen, wird nicht zu kontrollieren sein. In Dänemark z. B. habe ich heute morgen gelesen, besteht keine Mundschutz-Pflicht und die Abstandsregelung nur 1 Meter. Ist das bei offenen Grenzen und Strömen von Touristen ausreichend? Das Corona-Virus ist nicht die Pest, bleibt aber gefährlich und tückisch, da es sich zeitverzögert manifestiert. Ist der Luxus Urlaub diese Risiken wert? Man weiß immer noch viel zu wenig über das Virus, um darauf eine seriöse Antwort geben zu können.

 

Das soziale Experiment, das gerade ungewollt, ungeplant und unstrukturiert stattfindet, und dessen Akteure und Zeugen wir alle unfreiwillig sind, besteht im Grunde darin herauszufinden, ob wir uns tatsächlich an bleibende Distanzen und weiter zunehmende Einsamkeit, Entfremdung und Isolation gewöhnen werden oder nicht. Welchen Preis „wir“ für den Aufrechterhalt des bestehenden Wirtschaftssystems bereit sind zu bezahlen und wieviel Menschlichkeit und Artgerechtigkeit wir dafür opfern wollen. Jede:r einzelne Bürger:in ist Mit-Akteur:in, Mit-Täter:in, Mit-Opfer. Was wird überwiegen? Freiwilliges Downshifting oder „Jetzt-erst-recht-Konsum“? Werden wir uns an den den Erwerb und Konsum von „nackten“ bzw. „sozialgereinigten“ Dienstleistungen (zu höheren Preisen) gewöhnen? Wird das Bedürfnis nach echter menschlicher Nähe, Bindung, Berührung und Kommunikation zunehmen oder langsam absterben? Oder wird es in die digitale Welt abwandern? Und was für Wesen und was für eine Gesellschaft werden wir dann? 

 

Ich finde diese Beobachtungen und Entwicklungen sehr bedrückend, sie fühlen sich für mich an wie eine Operation am offenen Herzen. Jede Prognose scheint gewagt, Spekulationen bringen nichts außer noch mehr Verunsicherung. Niemand weiß, wie sich die Corona-Krise weiter entwickelt und was sie global noch anrichten wird. Eben nicht „nur“ gesundheitlich und wirtschaftlich, sondern auch seelisch. Die Lage scheint mir ganz ohne Verschwörungsphantasien dramatisch, unkalkulierbar und gefährlich genug. Mir wäre nach mehr Behutsamkeit, Einfühlungsvermögen und Vorsicht. Nach differenzierteren Überlegungen im Dialog mit Bürger:innen und Betroffenen, verbunden mit menschen- und klimafreundlichen Zukunftsperspektiven statt dem angstgesteuerten, unsensiblen, patriarchalen Konsum- und Macht-Aktionismus. Mir ist nach angstfreier menschlicher Nähe, nach echten Begegnungen, nach ehrlicher und wohlwollender Kommunikation, nach authentischen Menschen. Und weniger denn je nach Konsum und Dienstleistungen, die auf Illusionen basieren. Auf alle Fälle: Es bleibt spannend. Und stressig. Fortsetzung folgt...

 

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© Irene Wild - Büro für Nachhaltige Esskultur 2020

 

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