Corona-Update: Willkommen in der Dauerkrise

 

Was nicht alle betrifft, wo sich die Gesellschaft und jede:r Einzelne nun sortiert und das Hick-Hack um „Lockerungen“ beginnt (ein Begriff, der eigentlich nur im Kontext von Haftbedingungen bekannt ist) und der Streit um finanzielle Zuwendungen und Hilfeleistungen in die nächste Runde geht, sind die Bereiche Arbeit, Existenzsicherung, Kultur und Bildung (inklusive Kinderbetreuung). Die Sortierung ist einfach: wie bei jeder Krise gibt es viele Verlierer, eine ganze Menge Gewinner sowie eine kritische Masse, bei denen das noch nicht so klar ist, die aber die nächsten Wahlen mit entscheiden werden. „Wie immer“ die Rentner und der sogenannte Mittelstand. Nicht die jungen Leute, für die es um Ihre Zukunft geht. Und auch nicht die Alleinerziehenden und Solo-Selbstständigen, über die ich heute als selbst Betroffene schreiben möchte. Das ist schwierig, denn DIE Solo-Selbstständigen gibt es nicht. Man kann nicht allgemeingültig über sie schreiben und das versuche ich erst gar nicht, denn sie zeichnen sich durch hochgradige Individualität aus. Wir werden auf alle Fälle (bis jetzt) weder politisch noch wirtschaftlich als sonderlich wichtig erachtet. So viel als Intro und zum Selbstverständnis.

 

Stimmungswechsel

Mit den Verteilungskämpfen über die Abermiliarden (die plötzlich da sind!) schwindet die solidarische Stimmung der ersten Corona-Wochen. Alle wollen möglichst viel abbekommen, ganz egoistisch und egal, ob sie es wirklich brauchen oder nicht. Bei vielen drehen sich die meisten Gedanken schon wieder nur noch ums Geld, wenig verwunderlich. So funktioniert diese Gesellschaft. Die Gier ist geweckt. Neid, Missgunst, Frustration, Ernüchterung, Angst, Aggression wie Depression aber auch jede Menge Selbstmitleid - „jammern auf hohem Niveau“ - legen sich wie lähmendes Gift über alle Bemühungen, mit der Krise irgendwie fertig zu werden. Es lässt sich momentan sehr gut beobachten, was die Politiker aus ihrem extrem privilegierten Lebensumfeld heraus als systemrelevant und dementsprechend als förderungs- bzw. öffnungswürdig erachten. (Und in welchen Bereichen mächtige Lobbyisten am Werke sind. Hierfür reicht das Stichwort Automobilindustrie, die sich nun zum wiederholten Male  -„Abwrackprämie“, schon vergessen? - mit Steuergeldern sanieren lassen will. Vermutlich mit Erfolg.)

 

Ja, leider ist es so, dass die Krisen-Entscheidungen von weißen, älteren Männern mit Hang zur Eitelkeit getroffen werden (plus einer weißen, älteren Dame, für die Kinder eine rein abstrakte Vorstellung sind), während die Frauen „an der Front“ (kriegerische Ausdrücke für die Corona-Krise sind völlig unangebracht und unangemessen) und im häuslichen Alltag den Laden am Laufen halten. Und noch so nebenher die Kinder unterrichten. Man fühlt sich in die „guten“ 50iger Jahre zurückversetzt. Das ist einfach nur krass.

Friseure sind anscheinend systemrelevant. Schön für sie, ehrlich. Aber wieso? Als Politiker muss man ja gut ausschauen in den Medien. Und bedient werden ist halt so schön! Sie haben ein großes Eigeninteresse an dieser Dienstleistung und wissen wohl schon gar nicht mehr, wie man sich selber helfen kann und wie man mit einer Schere umgeht, ihhhh - Handarbeit! 

Und Spargel. Dafür werden allen Reisebeschränkungen zum Trotz sage und schreibe 80.000 Erntehelfer eingeflogen. Die Zahl hat mich umgehauen. Als ob Spargel überlebenswichtig wäre. Und das in einem Moment, wo Tausende Menschen nicht mehr hinreichend über die Tafeln versorgt werden können. Einfach nur irre. Man muss immer wieder tief durchatmen und über vieles gründlich nachdenken. Dafür gibt es jetzt zum Glück Zeitfenster und Ruhe, die man beide nutzen kann (und sollte finde ich).

 

„Normal“ war und ist das Problem

Natürlich werden auch viele vernünftige und nachvollziehbare Entscheidungen getroffen. Ebenso klar ist, dass in einer „neuen“ Krisensituation auch Fehler gemacht werden, denen man mit kritischer Toleranz begegnen sollte. Darum geht es nicht. Es geht darum sich darüber bewusst zu werden, dass eine Krise alle vor der Krise schon vorhandenen wunden Punkte einer Gesellschaft gnadenlos aufdeckt und ins grelle Rampenlicht rückt. Man blinzelt und möchte sich wegdrehen. Aber genau das erachte ich als falsch, genau hinsehen ist wichtig, auch wenn es schmerzt. Nur so ließe sich die Krise auch positiv nutzen - so abgedroschen das klingt, so ist es doch nicht weniger wahr -, ganz persönlich wie gesellschaftlich. Was mich nämlich wirklich vor allem aufregt ist, dass viele jetzt so tun, als ob vor der Krise alles bestens und in Ordnung gewesen wäre. Und dieser angeblich „heilen Welt“ hinterher trauern. Das ist die größte und gefährlichste aktuelle Selbstlüge. Sie blockiert eine Zukunft, die unter dem Motto „Weniger ist mehr“ tatsächlich besser werden könnte - ökologischer, fairer, sozialer, nachhaltiger -  wenn man denn wollte. Der Konsum bricht ein, das ist doch mal eine gute Nachricht! Wir konsumieren doch schon lange viel mehr als uns ressourcenmäßig zusteht. Zur Erinnerung: der Erdüberlastungstag rückt jedes Jahr weiter nach vorne. Ebenso ist unser Problem schon lange, dass es von fast allem zu viel gibt - auch Kultur -, dass es unsäglich viele nicht lebenswichtige bis ja, als dekadent zu bezeichnende „Nice-to-have-Berufe und - Dienstleistungen“ gibt, zu viele „Dino-Branchen“, zu viele prekär Arbeitende, zu viele Autos, zu viele Reisen, zu viel Umweltverschmutzung, die Liste lässt sich fast endlich fortsetzen. Seit 20 Jahren erleben und erleiden wir „rasenden Stillstand“. Und dahin soll es nun so schnell wie möglich zurückgehen? Weiter so? Bloß nicht! Diese Krise ist menschengemacht, kein Schicksal. Sie ereilt uns, weil wir uns stur nicht wie respektvolle Gäste dieser Erde benehmen, sondern sie nach wie vor völlig beherrschen und ausbeuten wollen. Weil wir unsere Gesellschaft nicht nachhaltig und sozialverträglich umstrukturieren wollen. Als ob es ein deutsches Geburtsrecht auf Urlaub, Fliegen, Vergnügungs-Shoppen, Freizeit-Entertainment, SUV’s und Spargel gäbe. Der Großteil der Menschheit lebt ohne diesen ganzen Luxus. Ohne Toilettenpapier übrigens auch. Damit steht die nächste Krise quasi schon vor der Tür. Wenn wir es jetzt nicht lernen, dann bei einer der nächsten. Es ist keine Frage ob, sondern nur wann sie kommen.

 

Dazu passt - reiner Zufall, aber ein bemerkenswerter -, dass es seit dem Lockdown quasi nicht geregnet hat. Kleiner Gruß von der Klimakrise. Expert:innen machen seit Wochen auf die erneute Dürregefahr aufmerksam. In den Wetterberichten jedoch wird der Sonnenschein täglich als wunderbarer Corona-Tröster („Heute wieder bis zu 12 Sonnenstunden!“) und verdienter Urlaubsersatz verkauft („Heute wieder sommerliche Temperaturen!“). Ich kann z. B. „harmlose Quellwolken“ nicht mehr hören, als ob Regen etwas Gefährliches wäre. Offensichtlich sind sich Regierung und viele Wetter-Medien einig darin, dass den Bürger:innen Corona- und Klimakrise nicht gleichzeitig zugemutet werden kann. Wir werden gar nicht erst gefragt, ob wir in diesem Maße bevormundet und gepampert werden wollen. Frau Merkel mag sowieso nicht so gerne die offene Diskussion - Stichwort „Öffnungsdiskussions-Orgien“. „Alternativlos“ und „unverzichtbar“ (erneuter Lockdown) sind mehr ihr Ding. Sie ist keine „Mutti“, sondern eher eine Domina, was aber vielen zu gefallen scheint. Der Journalist Jan Fleischhauer spricht in seiner Kolumne von der „wohlwollenden Arroganz der Macht“. Das trifft es ganz gut finde ich. Bedenklich, oder?

 

Der „exzellente Kulturbetrieb“

Ich gehöre zu den Solo-Selbstständigen, von denen viele bis zur Krise gar nicht wussten, dass es uns gibt, die im Kulturbereich tätig sind. Damit gehöre ich definitiv zu den Krisen-Verlierer:innen, weil bis auf Weiteres ohne Einkommen. Ich bin keine Virusexpertin, aber als selbstständige Kulturmanagerin M. A. kenne ich mich von der Theorie bis zur Praxis mit Kultur und Selbstständigkeit aus und bin überhaupt nicht überrascht, dass es mich so hart trifft. Denn unser Kulturbetrieb, der auf Kultur als freiwillige staatliche Leistung basiert - das Grundproblem -, krankt schon lange und massiv. Selbstverständlich auch, was die Rolle der Freiberufler:innen betrifft. Man behandelt uns von institutioneller Seite her gerne wie Ehrenamtler oder Hobby-Akteure, vor allem bezüglich Zusammenarbeit, Qualifikation und Honorare. Die Zusammenarbeit verläuft häufig unprofessionell (bevorzugt werden z. B. mündliche Absprachen statt verbindlicher Verträge). Man wird selten auf Augenhöhe behandelt (was grundsätzlich angemessen wäre, aber das kriegen die nicht nicht. Für sie gibt es nur „drüber“ oder „drunter“. Alle, die von außerhalb kommen sind bis auf "Berühmtheiten", mit denen man sich schmücken möchte, per se „drunter“), selbst wenn man wie ich oft die höher Qualifiziertere und viel Erfahrenere ist. Offiziell, nach außen, geht es streng hierarchisch und minuziös geregelt zu. Wesentliches hingegen findet oft auf informellen Insider-Ebenen statt, zu der Freiberufler:innen als Outsider keinen oder wenig Zugang haben, und dadurch schon grundsätzlich benachteiligt sind (ich sag nur: Ausschreibungen!). Vertreter:innen öffentlicher Institutionen und Organisationen fühlen sich folglich häufig per se überlegen bzw. in der vermeintlich besseren Position und lassen einen das spüren, mit Nichtbeantwortung wichtiger Emails bis hin zur Aufforderung, dass man sich hochdienen müsse. Man ist permanent in der Initiative, muss immer nachhaken, erinnern, neu anbieten,…das kostet uns, abgesehen davon, dass das aufgezwungene Prozedere im Ganzen ineffizient ist, wertvolle Arbeitszeit, für die wir aber im Gegensatz zu ihnen nicht bezahlt werden. 

 

Die Honorare bewegen sich konsequenterweise in einem Bereich, der mit Glück zur Existenzsicherung reicht. Man betreibt gezwungenermaßen Subsistenzwirtschaft. Es wird „von oben“ davon ausgegangen, dass wir uns unsere Tätigkeit halt irgendwie finanzieren oder leisten können und/oder sie so lieben und/oder so intrinsisch motiviert sind, dass wir zu jedem Opfer bereit sind. All dies ist tatsächlich oft der Fall. (Die wenigen sehr gut verdienenden Kultur-Solo-Selbstvermarkter ändern nichts daran.) Unser Problem. Man trifft auf viel Härte und Ignoranz bei den selbsterklärten Kultur-Gutmenschen, auf beiden Seiten übrigens. Dass wir (so ist es bei mir) für 80% unserer Arbeit gar nicht bezahlt werden (Besprechungstermine, Reisekosten, Büro, Konzeption, Publikationen, Forschungen, Recherche…) wird hartnäckig ausgeblendet. Auch unser Problem. Ist ja auch so bequem, die Solo-Selbstständigen antanzen zu lassen, in der bezahlten Arbeitszeit natürlich. Ich habe schon öfter mehr Geld für die Vorleistungen ausgegeben als dann mit der Veranstaltung verdient, falls sie denn überhaupt zustande kam. Kurzfristige Absagen ohne Honorarentschädigung sind auch beliebt, weil viele Anbieter aufgrund des kulturellen Überangebots und weil die Zielgruppen nicht mehr so berechenbar sind, nicht mehr genug Teilnehmer:innen generieren können. Kann ihnen ja auch egal sein, sie bekommen immer ihr Geld. Es gibt viele Teufelskreise im öffentlichen Kulturbetrieb, der überwiegend von Funktionären, Beamten und Angestellten gemanagt wird (die auffallend häufig für ihre Aufgaben gar nicht qualifiziert sind), nicht von unternehmerisch oder künstlerisch-kreativ denkenden Managern. Der Kulturmarkt ist völlig verzerrt und krank. Schon lange. Durch die Krise kommen einige der Kulturprobleme endlich mal ans Licht und in den Fokus der Allgemeinheit. Das ist erstmal ebenso begrüßenswert wie überfällig. 

 

Solo-Selbstständige und (öffentlicher) Kulturbetrieb

Als keinem Herren (oder Dame), keiner Firma, keiner Institution und keinem Kulturbetrieb verpflichteten Akteure sind viele Solo-Selbstständige kreative Querdenker und innovative Freigeister, die zur kulturellen Vielfalt und zur geistigen und wissenschaftlichen Unabhängigkeit und Diversität unserer Gesellschaft beitragen. Erst durch die Corona-Krise hat eine breitere Öffentlichkeit erfahren, wie schlecht es um viele finanziell bestellt ist. Fakt ist, (zu) viele finanzieren ihre selbstständige Kulturarbeit quer, über „Brotjobs“, Eltern, Großeltern, berufstätige Partner:innen, Erbschaften, manche verschulden sich sogar dafür. Was „von unten“ leider zu einem recht unbarmherzigen und unfairen Verdrängungs-Wettbewerb führt. Beispielsweise, dass wer „quer“ kann, die niedrigen Honorare noch weiter unterbietet bis hin zum „Natürlich mache ICH das auch umsonst!“ Es gibt Ausnahmen, wo man um einen fairen Umgang bemüht ist, aber „von oben“ wird das in der Regel nach Kräften gefördert. Es geht zu wie beim Discounter, je billiger, desto besser. Egal, wie viel Budget zur Verfügung steht. Habe ich schon erwähnt, dass man kaum Auskunft darüber bekommt? Dass es keine Transparenz gibt? Alle geschlossenen Systeme neigen bzw. führen fast zwangsläufig zu Missbrauch, nicht nur zu körperlichem und seelischem ("Me too!"), auch zu finanziellem. Und nicht nur die Kirchen neigen dazu, auch die fast ebenso heilige institutionalisierte Kultur. Sie besteht aus fein verästelten Klüngelei-Clustern in allen Größen und fast alle die mitmachen, sägen an den Ästen, auf denen Konkurrent:innen (das sind prinzipiell alle) und absurderweise auch sie selber sitzen. Kooperiert und abdelegiert wird nur, wenn man unbedingt muss. Was soll’s? Hauptsache weitermachen, so lange es geht! Selbsterhalt! Job, Position und Deutungshoheit sichern! Egal auf wessen Kosten! Egal, was für Kultur dabei herauskommt! Irgendwie! Konflikte und Probleme bezahlt aussitzen! So tun als ob! Was eigentlich? Egal! Mit den richtigen Kontakten und Namen, Geld und Marketing lässt sich alles als Erfolg inszenieren und verkaufen, ohne dabei effektiv zu wirtschaften oder Geld verdienen zu müssen! 

 

Zu viel Kultur

Deshalb beobachten wir gleichzeitig schon lange eine Banalisierung, Trivialisierung und Verschulung von Kunst und Kultur allerorten. Es gibt zu viel Kultur. Vor allem zu viel gleiche („erfolgreiche“ Formate werden bis zum Erbrechen kopiert und wiederholt, auch so ein bequemer Modus Operandi) und drittklassige (viele Angebote und Produktionen gehören tatsächlich in den Hobbybereich, ohne diesen damit abwerten zu wollen, im Gegenteil) und natürlich viel zu viel zu schlecht bezahlte. Ich leide ganz solidarisch mit allen Solo-Selbstständigen im Kulturbereich, sie tun mir alle leid und ich fühle mit ihnen. Ganz besonders jetzt. 

Fakt ist jedoch: Niemand MUSS im Kulturbereich arbeiten. Aber zu viele wollen. Der Markt ist sowas von übersättigt. Dabei sind wenige zwingend talentiert oder geeignet, ungleich viele quasi talentfrei (niemand sagt ihnen das). Ich habe persönlich nichts dagegen, wenn sich viele irgendwie künstlerisch und kreativ betätigen wollen und befürworte eine echte Demokratisierung von Kunst und Kultur. Aber im Profibereich nicht über Überangebot, Unterbezahlung und Preisdumping. Und auch nicht, wenn Kreativität mit Beliebigkeit und Improvisation mit Dilettantismus verwechselt oder gleichgesetzt werden. 

 

Ich bin vor allem für eine klare und transparente Unterscheidung in Kultur-Profis und -Amateure. Profi wäre und ist in meinen Augen, wer die Tätigkeit hauptberuflich ausübt, ein ebenso einfaches wie schlüssiges Kriterium. So wie beispielhaft im Fussball. Nicht gleich schreien, da ginge es ja nur (noch) ums Geld und um den Kommerz. Das stimmt so nicht (ich bin auch Fußball-Mama und kenne mich ganz gut aus) bzw. ist die Kommerzialisierung von Kultur im Amateurbereich ungleich fortgeschrittener. Aber da hat man Scheuklappen auf. Wie sonst lässt es sich erklären, dass gefühlt jede:r, der sich künstlerisch bzw. kulturell beschäftigt, egal wie belanglos und wie gering in der Gestaltungshöhe, auch gleich eine „Geschäftsidee“ damit verknüpft und Geld damit verdienen möchte? Schon ein Kurs - Hauptsache irgendwie zertifiziert! - reicht heutzutage, um sich sogleich als Profi aufführen und fühlen zu dürfen. Ein Amateur-Fussballer dagegen weiß, dass er ein Amateur ist und vor allem warum. Und das ist gut so. Für alle. Eine ähnlich deutliche Unterscheidung im Kulturbereich würde ihn analog zum Breitensport vor falscher und verzerrter Kommerzialisierung nachhaltig schützen, destruktiven Neid und Dilettantismus in Grenzen halten, für qualifizierten Nachwuchs sorgen und damit die Qualität im Spitzenbereich fördern. Und statt dem Ausleben kindisch-narzisstischer Aufmerksamkeitsbedürfnisse, so-tun-als-ob und Geld verdienen um sprichwörtlich jeden Preis hahaha - (was für die meisten sowieso pure Illusion bleibt), ginge es in dieser „Breitenkultur“ wieder mehr um die essenzielle und soziale Dimension von Kunst und Kultur, nämlich dem Erleben von solidarischer und kooperativer Gemeinschaft, dem Recht auf kulturelle Teilhabe und auf „Lebenslanges Lernen“ und dem Recht auf spielerisch-kreativen - nicht schulischen! nicht (pseudo-)professionellen! - Selbstausdruck. 

 

Die Sinn- und Zweckfrage

Vielleicht überdenken jetzt einige mal, warum sie das, mit dem sie anscheinend bisher erfolgreich ihr Geld als Solo-Selbstständige verdient haben, überhaupt tun oder weiter tun wollen. Und stellen sich die ehrliche Sinn- und Zweckfrage. Vor allem jüngere, die ihr Leben beruflich jetzt noch relativ leicht anders gestalten könnten. Man hat immer eine Wahl, immer. Ich bin schon immer selbstständig im Kunst- und Kulturbereich tätig. Wie oft habe ich mir schon die Sinn- und Zweckfrage gestellt und mich immer wieder neu erfunden. Für mich ist das nichts Neues und ich tue das auch jetzt wieder. Es gehört meines Erachtens zu so einem Leben. Selbstmitleid ist weder angebracht noch zielführend. Aber für viele scheint das tatsächlich die erste Schaffens- und Einkommenskrise zu sein und kommen überhaupt nicht klar. In sich gehen, die Ruhe und Zeit nutzen, um das eigene Selbstverständnis und die eigene Handlungslogik selbstkritisch zu hinterfragen und zu analysieren wäre mein Rat. Das ist ein permanenter und anstrengender Prozess, der aber die Anpassungs-, Veränderungs- und Entscheidungsfähigkeit erhöht. Je mehr Übung man hat, desto schneller. Quasi von Beginn der Krise an (ich sah sie kommen) habe ich mit einem neuen Kochbuch-Projekt angefangen und arbeite täglich daran, strukturiert, diszipliniert und motiviert. Was besseres als in die selbstmotivierte und selbstverständlich unbezahlte Eigeninitiative, also in Flucht nach vorne zu gehen, fällt mir im Moment nicht ein. Dadurch hat diese Krise für mich persönlich aber wenigstens erstmal einen Sinn und ein konkretes Ziel. Erfolgs-Garantie gibt es natürlich keine, Risikobereitschaft gehört m. E. genuin zur Selbstständigkeit. Nichts tun und das Ende der Krise abwarten sind keine Option für mich. Allein schon, weil nicht absehbar ist, wie lange sie dauert oder sich wiederholt. Vielleicht wäre abwarten oder aufgeben „klüger“. Ich weiß es nicht. Genauso wenig, wie ich fertige Lösungen für die erwähnten Probleme parat habe. Ich weiß nur, dass schon lange dringender Diskussions- und Handlungsbedarf besteht. Und dass qualifizierte und praxiserfahrene Solo-Selbstständige dabei als gleichwertige Partner:innen eingebunden sein sollten. 

 

Schnelle Lösungen - der Weg aus der Krise?

Ich hoffe, dass die Krise zu mehr Diskurs und weniger zu schnellen „Lösungen“ führt. Wir stehen nämlich vermutlich vor einem Paradigmenwechsel. Und ich wünsche mir, dass viele endlich mit ihrem „So-tun-als-ob-Getue“ aufhören. Die letzten Jahre hörte ich von Kolleg:innen fast nichts anderes, als dass bei ihnen alles super läuft, sie unfassbar busy-busy und erfolgreich sind, sich vor Aufträgen gar nicht retten können usw.. Und die sind jetzt nach ein paar Wochen ohne Einkommen bereits existenzbedroht? Das passt doch nicht zusammen! Oder doch: Wenn man Erfolg nur noch über maximale Aufmerksamkeit, (So-tun-als-ob-)Wichtigtuerei und Umsatz (nicht Gewinn!) definiert und nicht (mehr) über betriebswirtschaftlich vernünftiges, sprich nachhaltiges Wirtschaften (mit Investitions- und Rücklagenbildung), dann passt das. (Selbst-)Management nur kurzfristig und nur auf Sicht verbunden mit der irrigen Annahme, dass Konsum und Wachstum immer auf so hohem Niveau weitergehen. Kann man das überhaupt als Management bezeichnen? Eigentlich nicht. Aber so sieht es aus. Die Deutlichkeit, mit der dieses explizit nicht nachhaltige Wirtschaften, von den Solo-Selbstständigen bis hinauf zu Großkonzernen, zutage tritt, ist schockierend. 

 

Eine schnelle Lösung sollen beispielsweise virtuelle Kulturangebote sein!? Man wird jetzt aufgefordert, online-Angebote entwickeln (natürlich unbezahlt und ohne Abnahme-Garantie). Digitale Kulturformate werden einen zunehmend relevanten Stellenwert einnehmen, keine Frage. Aber wenn sich jetzt alle Solo-Selbstständigen quasi zeitgleich auf die digitalen Medien stürzen und diesen Markt erobern, wird dort dasselbe wie im analogen Leben stattfinden, nur noch extremer und im Schnelldurchgang: Überangebot bei gleichzeitig wenig bis keine Einnahmen für die meisten. Es ist nur ein Transfer desselben Kulturproblems inklusive „Beschäftigungstherapie“, keine Lösung. Skepsis statt Aktionismus ist m. E. angebracht und das Gebot der Stunde.

 

Weniger ist mehr und besser

Als Kulturmanagerin plädiere ich schon lange für eine radikale systemische Kulturreform, die das Kultur-Unternehmertum stärkt und Kultur-Entrepreneure fördert. Und für einen breiten Kulturbegriff, der die sogenannte Hochkultur endlich mal in ihre übersubventionierten Schranken weist und mehr Geld, Anerkennung und Bedeutung für Alltagskultur freimacht. Und für Kulturverknappung, weniger, aber besser. Damit Qualität und Vielfalt und Bezahlung und das Recht auf kulturelle Teilhabe besser und gerechter werden. Dafür wäre die Corona-Krise doch die beste Gelegenheit. Es ist gut, dass sich das Kultur-Hamsterrad mal nicht dreht. Und der Selbstbedienungsladen Kultur bis auf Weiteres geschlossen bleibt. So können auch die bisherigen Kulturgewinner:innen mal nachdenken. Z. B. , ob der nächste Dreh wirklich auf Hawaii stattfinden muss, weil man da noch nicht war. Oder ob es noch mehr Events, Preise und Auszeichnungen für die gefühlt immer gleichen Stars und Promis braucht. Gewinner wie Verlierer könnten reflektieren und sich fragen, ob man „die Kultur“ wirklich so vermisst und überhaupt in dem Maße und in den Formen braucht, wie sie angeboten wird. Und welche Art von Kultur genau vermisst wird, gebraucht wird oder erstrebenswert wäre. Und warum. Inwieweit Kultur systemrelevant, lebensnotwendig und zukunftsfähig ist. Welche Rolle sie im digitalen Zeitalter spielen sollte. Wie man bildungsferne Bevölkerungsschichten besser einbindet. Was man in Zukunft besser und vor allem fairer und nachhaltiger gestalten könnte, solche Sachen. Kulturakteure aller Couleur könnten überlegen, ob sie vorrangig Dienstleister oder Selbstdarsteller sind, ob sie wirklich was ganz eigenes zu sagen und/oder Alleinstellungsmerkmale haben, und falls ja, ob diese in einem größeren Kontext gesehen überhaupt relevant sind. Es wird so viel als gottgegeben genommen und spekuliert, ich finde, es ist die richtige Zeit, um erstmal ganz viele Fragen zu stellen.

 

Zwischenbilanz - ohne Ausblick!

Die Corona-Soforthilfe? Nette Geste, wirklich, in der Regel gehen wir völlig leer aus. Dass wir überhaupt bedacht werden grenzt für mich an ein Wunder. Es lässt sich vielleicht so erklären, dass durch das komplette „AUS!“ erstmalig bewusst wurde, wie viele direkt und indirekt (über die sogenannte Umwegrentabilität, z. B. Steigerung der Attraktivität von Firmen und Kommunen) von den kulturellen Angeboten und Dienstleistern profitieren, und das zum Spottpreis! Kultur ist billig in Deutschland! Der Kulturetat - zur Erinnerung: Kultur ist eine freiwillige staatliche Leistung - ist ein sehr kleiner Posten im Haushalt. Das Kultur-Preis-Leistungsverhältnis ist überragend, vor allem zum Nachteil der Solo-Selbständigen. Mehr Geld für alle Arten von Kultur und dieses fairer unter den Akteuren verteilt wäre ein guter Anfang!

 

Diese Soforthilfe wird viele wohl nicht retten. Muss sie das? Eine Krise ist nicht fair. Es wird vielleicht bald zu oft „die Falschen“ treffen. Aber grundsätzlich wäre eine Kulturverknappung in vielerlei Hinsicht wünschenswert, die zu weniger Kulturkonsum und Selbstausbeutung, dafür zu mehr fairer Teilhabe von Solo-Selbstständigen, zu mehr kultureller Vielfalt und zu nachhaltigen und ökosozialen Kultur-Neustrukturierungen, -Formen und -Wirtschaftsweisen führt. Vermutlich ist das (noch) reines Wunschdenken und es wird in absehbarer Zeit alles wieder anlaufen und großteils weitergehen wie gehabt. Ich bin nur sehr, sehr verhalten optimistisch, egal mit welchem Szenario. 

 

Es knirscht im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Getriebe, Dinge kommen in Bewegung, ungeplante Prozesse entwickeln sich. Systemrelevante und schlecht bezahlte Jobs bekommen Aufmerksamkeit, gut bezahlte, aber nicht systemrelevante, sind plötzlich unbedeutend. Angenehme Selbstverständlichkeiten und Komfortzonen sind nicht mehr so selbstverständlich und bequem. Die einen arbeiten zu viel, andere zu wenig oder gar nicht mehr, sind arbeitslos oder krank. Es ist echt was los und niemand weiß, ob sich die ungewohnte Gemengelage zum „Guten“ oder „Schlechten“ entwickeln wird und was das überhaupt noch meint. Die Verunsicherung ist groß, zurecht. Aber wir sind nicht im Krieg, sondern erleben eine Krise; das kann man gar nicht oft genug betonen. Was das Virus angeht wissen wir jetzt immerhin, dass wir nicht genug wissen. Wann und wie sich die Wirtschaft „erholt“ weiß auch niemand. Es können aktuell keine gesicherten Aussagen gemacht werden und das sollte man akzeptieren statt wieder so-zu-tun-als-ob oder auf gut Glück zu spekulieren und die Verunsicherungen damit weiter schüren. Ich stelle mich auf einen Dauerkrisen-Marathon ein so gut ich kann. Und auf Veränderungen. Man erlebt jetzt auf alle Fälle, wenn auch eher am Rande: Alltagskultur ist elementar, E- & U-Kultur weniger bis gar nicht. Das ist doch schon mal für viele Kulturakteure und -konsumenten eine ganz neue Erfahrung. Das hat Potential. Es ist und bleibt spannend!

 

© Büro für Nachhaltige Esskultur - Irene Wild M.A. 2020