Thema: Essbare & "wilde" Gärten

 

Die wichtigsten Benefits eines essbaren und „wilden“ Gartens:

  • „Einkaufen“ vor der Haustür (Zeit- und Geldersparnis)
  • Keine Angst vor Kontaminierung (Fuchsbandwurm, Hundekot etc.)
  • Essbare Vielfalt und Biodiversität auf kleinem Raum
  • Weitestgehend pestizid- und rückstandsfreie Bio-Nahrung
  • Höchste Lebensmittelqualität zu geringsten Kosten
  • Sprichwörtlich wachsende Ernährungs-Autonomie
  • Schafft Lebensraum für viele Tiere (Bienen! Schmetterlinge! Igel etc.)
  • Gärtnerische Kombination von Ästhetik & Nutzen
  • Muse, Freude, Spaß und Erholung im direkten Lebensumfeld
  • Ganzheitliche und genussvolle Lern- und Erfahrungsprozesse

Als ich die „wilde Küche“ für mich entdeckte zog ich begeistert los, um Wildkräuter zu sammeln. Ich wohne im Westerwald, keine hundert Meter rundum vom Wald entfernt, ideal wie mir schien. Denkste! Meine nähere Umgebung stellte sich als das heraus, was man mithin als „grüne Wüste“ bezeichnet. Durch Düngung, Pestizideinsatz und Flurbereinigung hat die Landwirtschaft hier erreicht, dass an den Wegesrändern kaum mehr Wildkräuter und -blumen wachsen. Zudem gibt es unglaublich viele Hundebesitzer, die diese immer noch bevorzugt als Hundeklo nutzen, das ist nicht appetitlich sondern igitt! Also suchte ich weiter im Wald, denn auch an den Wegesrändern im Wald wachsen Wildkräuter gerne. Es zeigte sich, dass es da die intensive Forstwirtschaft ist, die dafür sorgt, dass man auch da nicht viel findet, noch nicht mal Giersch! Wer den kennt weiß, dass das kaum möglich scheint, ist hier aber so. Das war total frustrierend und absurd: da wohnt man „mitten in der Natur“, bloß das die Natur eigentlich fehlt. Seither sage ich, dass ich „im Grünen“ wohne, das trifft es doch eher.

 

Meine Erkundungsradius wurde immer größer. Erst im Umkreis von mehr als 20 km fand ich schließlich im Naturpark Rhein-Westerwald in Richtung Rhein ökologische Nischen mit einer guten Wildkräuter-Vielfalt und war erstmal zufrieden. Aber nicht lange, denn soviel Autofahren und Zeitaufwand ist weder nachhaltig noch sinnvoll. Was tun??

 

Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und beschlossen, mir dann eben die Wiese und den Wald in den Garten zu holen! Mein Garten war schon immer ein sehr vielfältiger und ungedüngter - gute Voraussetzungen - , aber mit der üblichen klaren Trennung von Nutz- und Ziergarten und einer großen Rasenfläche, die ständig abgemäht werden musste.

 

Seit nunmehr vier Jahren gestalte ich meinen essbaren „wilden“ Garten. Das ist ein unglaublich spannender Prozess! Es kam gar nichts weg, sondern einfach viel dazu seither. Manche Wildpflanzen habe ich aus Wald und Wiese geholt, andere übers Internet bei Bio-Sämereien bestellt. Sehr hilfreich war dabei die intensive Beschäftigung mit der Permakultur, die viel Ertrag auf kleiner Fläche ermöglicht und per se eine zirkulär-nachhaltige Bewirtschaftung zum Ziel hat und bewirkt. Aber ich gehe auch immer wieder recht experimentell vor, jeder Garten ist anders, und das macht mir einfach auch Spaß.

 

 

Die wichtigsten Handlungen und (auch geistigen) Änderungen:

  • Bestandsaufnahme (immer wieder): Herausfinden, was bereits alles an essbaren Pflanzen im Garten wächst. Es ist viel mehr als man denkt! Diese nicht mehr herausrupfen, sondern stehen, wachsen und verbreiten lassen.
  • Geistig und praktisch die strikte Trennung von Nutz-, Erholungs- und repräsentativem Ziergarten sukzessive aufheben.
  • An eine Plantage denken, also auch in die Höhe, und an Wuchs-Etagen.
  • Überhaupt lernen, mehr zu beobachten und abzuwarten, weniger einzugreifen, den Dingen ihren Lauf lassen, über längere Zeiträume denken, Geduld aufbringen - das alles lernt und übt man ganz nebenbei.
  • Sich als kooperativer Gartenmanager begreifen, nicht als alles kontrollierender „Herrscher“. Je weniger man eingreift und parallel dazu Wildpflanzen bewusst ansiedelt, desto mehr kommen Wildpflanzen auch von ganz alleine - keine Ahnung woher, mit dem Wind oder mit den neuen Pflanzen? Oder waren sie schon immer da und ich habe sie nur nicht wahrgenommen? Bei mir z. B. Nachtkerze, Rotklee, kriechender Günsel, Rainkohl, Gundermann, Mohnblumen und Labkräuter.
  • Nur noch die nicht essbaren Unkräuter“ wie z. B. Hahnenfuss manuell in Schach halten. Diese sind in der Tat in der Lage, die „guten“ essbaren zu verdrängen. Die Arbeit reduziert sich trotzdem enorm!
  • Zumindest einen Teil des Rasens zur Wiese machen. Schon nach einem Jahr wuchsen jede Menge Gänseblümchen, Flockenblumen, Schafgarbe, wilde Möhre, Margeritten, Wiesenschaumkraut, Löwenzahn und Wegeriche.
  • Im Gegensatz zum lauten Rasen mähen ist Sensen ein leises, sportliches, rhythmisches Workout an der frischer Luft.
  • Wo es geht, die Natur nachahmen und vor allem Waldränder kreieren. Das ergibt sehr fruchtbare Zonen. Ich habe nur einen „echten“ Waldrand aus Bäumen und Büschen, dafür aber im Laufe der letzten Jahre einige humusreiche Waldrand-Situationen geschaffen, an denen Wildpflanzen, Obstbäume und -büsche besonders gut und gerne wachsen, z. B. eine Palettenwand, einen Sichtschutz-Zaun und auch mein kleines Gewächshaus bietet vier künstliche „Waldränder“, den Pflanzen ist das völlig egal merke ich. Gerade im und rund ums Gewächshaus konnte ich erfolgreich Himbeeren, Sauerklee, Vogelmiere, Knoblauchsrauke und Ringelblumen ansiedeln.
  • Gezielt „wilde Stellen“ einrichten. Für mich als Vegetarierin und begeisterte „wilde Köchin“ sind schmackhafte und gesunde Wildpflanzen wie Brennessel, Giersch, Beinwell und Bärlauch besonders relevant, ebenso Pfefferminzen und Zitronenmelisse für Tee und zum Würzen. Ja, die sind alle sehr invasiv, aber das das ist ja gerade das Gute! Denn so kann man immer ernten, ohne den Grundbestand zu gefährden. Das „Zuviel“ wird einfach weggegessen! Das verstehe ich unter echter und gelebter nachhaltiger Bewirtschaftung und Ernährung! Die Areale sind eigentlich recht klein, nur zwischen einem halben und max. zwei Quadratmeter groß. Totholz, Büsche und Steine dienen mir als visuelle Markierung.
  • Mein ursprünglich eher als blumige Zierde angelegter Steingarten wird durch die  Pflanzung von Schlüsselblumen, Veilchen und Lungenkraut - auch optisch sehr schöne Pflanzen - ebenfalls immer essbarer ohne seinen Charakter zu verlieren.
  • Mein ursprünglich rein mediterran angelegtes Kräuterbeet ergänzte ich nach und nach mit heimischen Wildkräutern wie Pimpinelle, Waldmeister, Walderdbeeren und Dost. Dazwischen wachsen mittlerweile Nachtkerzen und Karden.
  • Nachbarn respektieren! Unser Förster findet meinen Garten wunderschön und beispielhaft, aber leider wohne ich in einem Umfeld mit Nachbarn, die aber auch gar nichts von ökologisch-nachhaltigen Gärten halten. Mein Garten ist so was von gepflegt, aber für sie ist er „wild“ und „unordentlich“. Um mich herum wird pausenlos gemäht, künstlich gedüngt und „Unkräuter“ chemisch in Schach gehalten, was der Gartenmarkt (teuer!) hergibt. Das Ergebnis: künstlich grüne, extrem kurze und unkrautfreie Rasenflächen mit Tuja- und Kirschlorbeerhecken drumrum. Auch hier machte ich aus der Not eine Tugend, denn meine Nachbarn sind völlig stur und unbelehrbar, dass muss ich respektieren, und Streit möchte ich auch nicht. So bleibt der „öffentliche Bereich“ zur Straße hin eher repräsentativ und weitestgehend „unkrautfrei“, das ist mein Kompromiss. (Trotzdem hat mein Vorgarten mehr Vielfalt als wahrscheinlich alle Gärten hier im Viertel zusammen.) So kann ich ohne Stress in den privat-geschützten Bereichen machen, was ich will.
  • Damit sich meine Wildpflanzen nicht zu den Nachbarn hin ausbreiten, aber auch als Schutz vor deren Hunden, Katzen, chemischen Keulen und ebenso invasiven wie nutzlosen Gewächsen (ich sage nur: Kirschlorbeer!), lege ich seit zwei Jahren an den Grenzen zusätzlich Benjeshecken an. Da freuen sich auch Vögel und Igel und meine Biomasse bleibt großteils im Garten. Was bin ich früher oft mühsam auf den Astplatz gefahren! Auch hier kann ich eine massive Zeit- und Arbeitsersparnis bei gleichzeitigem Nutzgewinn feststellen. Dies ist ein sehr gutes Beispiel für die Multifunktionalität - ein Grundprinzip der Permakultur übrigens - eines zunehmend naturnahen essbaren Gartens.

 

Essentials und Kernaussagen 4 Jahren

  • Mein essbarer Garten schmeckt großartig!
  • Er bietet ganz viele unterschiedliche Geschmackserlebnisse: süß, fruchtig, sauer, würzig, scharf, bitter, mild, nussig, balsamisch, herb…
  • Er wird immer interessanter und schöner!
  • Durch clevere und durchdachte Zonengestaltung (Permakultur) ist auch auf kleiner Fläche (bei mir ca. 300 qm) eine unglaubliche Biodiversität möglich.
  • Es hat sich bewährt, langsam aber kontinuierlich zu Werke zu gehen. Immer nur so viel zu planen und umzusetzen, wie man geistig, körperlich und zeitlich schaffen kann. So erhalte ich mir die Muse und der Garten bleibt in erster Linie ein kreativer Freiraum, der auch mal eine längere Zeit ohne mich auskommt.
  • Jährlich 2-3 neue  Wildpflanzen sind mehr als genug, denn man braucht Zeit, sie kennenzulernen, sich anzufreunden und sie kulinarisch zu erschließen. Es klappt auch nicht alles beim 1. Mal. Ich bin nach deren ökologischen Wichtigkeit und kulinarischen Verwertbarkeit vorgegangen: 1. Jahr - Brennessel und Giersch, 2. Jahr - Bärlauch und Vogelmiere, 3. Jahr Knoblauchsrauke, Waldschaumkraut und Barbarakraut 4. Jahr - Sauerklee und Franzosenkraut, dieses Jahr sind Wiesenbärenklau, Taubnessel und Steinklee geplant.
  • Je vielfältiger, naturnaher und essbarer der Garten, desto dynamischer wird er. Aus einer überwiegend statisch empfunden Fläche wird ein bunter Lebensraum, der mehr und mehr in permanenter Bewegung und Entwicklung ist. Neue Pflanzen kommen, manche sind plötzlich verschwunden. Bei mir ist seither echt was los, ein stetes Werden und Vergehen, Kommen und Gehen. Und langsam bildet sich ein neues ökologisches Gleichgewicht mit mehr Tieren als jemals zuvor. Unglaublich viele Insekten und sogar ein Igel wohnt jetzt bei mir! Seither hat sich das Problem Nacktschnecken übrigens so gut wie erledigt.
  • Schon nach dieser relativ kurzen Zeit produziert mein Garten mehr, als ich essen kann. Dieses „Problem“ löse ich durch Konservierung (Sirup, Marmelade, Gelee, Pestos, Tee- und Würzmischungen,  usw.). Schon jetzt produziere ich Vorräte, die über den langen Winter und für Kostproben bei meinen Vorträgen und Seminaren reichen. Komme der ganzjährig „wilden“ Ernährung immer näher.
  • Ich muss definitiv immer seltener und weniger einkaufen. Und ich verbringe definitiv meine Zeit lieber im Garten, als einkaufen zu gehen, was hier immer mit Autofahren und Streß verbunden ist, einfach überhaupt keinen Spaß macht. Gefühlt verbringe ich nicht mehr Zeit im Garten als ich stattdessen mit Einkaufen verbringen würde.
  • Die Gartenarbeit ist abwechslungsreicher, sinnvoller und vor allem nachhaltiger geworden. So langsam komme ich in ein spürbares, vitales und nachhaltiges Kreislaufwirtschaften.
  • Je mehr mein essbarer Garten zu einem sich selbsterhaltenden System wird, das ist das Ziel, desto geringer wird der Arbeits- und Zeitaufwand.
  • Jedoch bedeutet ein „wilder“ essbarer Garten keinesfalls Laisser-faire! (Denn dann bekommt man Wald, die ursprüngliche Vegetation unseres Breitengrades.) Sondern Managen, Eingreifen und Kontrollieren nach der Devise „Nur so viel wie unbedingt nötig“. Das ist gerade für mich als fleißige Perfektionistin und Schwäbin immer wieder eine positive Herausforderung zum konsequenten Wenigertun. „Mehr denken, weniger arbeiten“ ist nicht umsonst eine Devise der Permakultur.
  • Bis jetzt erweist es sich als geradezu ideale Win-win-Situation, dass ich meinen Garten von Anfang an ökologisch sinnvoll und vielfältig angelegt habe. Ganz uneigennützig ging es mir dabei vor allem darum, ökologische Nischen für Tiere, vor allem für Vögel, Insekten und Schmetterlinge, zu schaffen und nicht darum, dass wir Menschen überall zu essen haben. Jetzt erfahre ich: was nahrhaft ist für uns ist auch gut für die Tiere und umgekehrt. Wir bilden eine Lebensgemeinschaft.
  • Und so: Wenn ich jetzt im Garten bin, empfinde ich viel mehr Verbundenheit „mit allem“ um mich herum. Dazu gesellen sich schöne Gefühle wie Dankbarkeit, Freude, belohnt und beschenkt werden. Nicht zu vergessen die vielen Überraschungs- aber auch Frustrationserlebnisse - „try and error“ ist beim Gärtnern ein elementares und effektives Lernprinzip! -, aber vor allem die vielen kleinen und auch mal größeren Glücksmomente! Die Gefühlsbilanz ist überwältigend und ebenfalls nachhaltig wachsend positiv.
  • Bedeutungsüberfrachtete Esoterik liegt mir fern, aber so nebenbei entwickelt sich bei mir doch auch ein ganz natürliches, individuelles magisches und wildes Denken und ein ebenso geistiger wie emotionaler Dialog mit bestimmten Pflanzen und Tieren. (Wie bei den Menschen auch: ich mag nicht alle, dafür manche eben ganz besonders.) Auch hier kommt etwas hinzu, ohne mir etwas wegzunehmen (meinen gesunden Menschenverstand und meine analytisch-logische Denkweise).

Fazit

 

So paradox es erstmal klingt: Ein naturnaher essbarer Garten bedeutet also auf vielerlei Ebenen nachhaltiges Zugewinn-Wirtschaften - der geschlossene Kreislauf entpuppt sich als nach oben wachsende Spirale und führt zu der ermutigenden Erfahrung: im wahrsten Sinne des Wortes „gesundes Wachstum“ ohne die Ressourcen zu plündern ist doch relativ einfach machbar!